Berlinale: Teddy Awards verliehen : Zwei Männer und ein Baby

Freitagabend wurde in der Komischen Oper der queere Filmpreis der Berlinale verliehen. Gewonnen hat das Kinderwunschdrama „Nasty Baby“ von Sebastián Silva aus den USA.

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Wieland Speck (l.), Programmleiter der Sektion Panorama der Berlinale, und Schauspieler Udo Kier bei der Verleihung des Teddy Award.
Wieland Speck (l.), Programmleiter der Sektion Panorama der Berlinale, und Schauspieler Udo Kier bei der Verleihung des Teddy...Foto: dpa

„Nasty Baby“, ein satirisches und provokantes Drama des US-amerikanischen Regisseurs Sebastián Silva, wurde am Freitagabend in der Komischen Oper mit dem Teddy Award für den besten Spielfilm ausgezeichnet. Der Film erzählt vom obsessiven Kinderwunsch eines Künstlers und zeigt ein bitterböses Bild einer nur um sich selbst kreisenden schwulen Bohème. Außer Applaus gab es für diese Jury-Entscheidung des wichtigsten queeren Filmpreises der Welt, der zum 29. Mal vergeben wurde, auch einige Buhs.

 Zu den weiteren Preisträgern gehören die Dokumentation „El hombre Nuevo“ (Uruguay/Chile) von Regisseur Aldo Garay und der chilenische Kurzfilm „San Cristobal“ von Omar Zúniga Hidalgo. Der Spezialpreis der Jury ging an den laut vom Publikum bejubelten Episodenfilm „Stories of our Lives“ aus Kenia. Den schwarz-weißen Episodenfilm von Jim Chuchu, der vom versteckten Leben junger Lesben und Schwulen in Kenia erzählt, lobte die Jury als „brave and beautiful filmmaking“.

Der an den seiner Homosexualität wegen ermordeten ugandischen LGBTI-Aktivisten David Kato erinnernde „David Kato Vision & Voice Award“ ging an die HIV-Positive Aktivistin Martha Tholanah aus Zimbabwe. Den Special Teddy für sein Lebenswerk erhielt der seit fast fünfzig Jahren international erfolgreiche Schauspieler Udo Kier.

Wowereit kommt zum Einsatz

Freitagabend in der Komischen Oper. War da was? Da war nichts. Alles wie immer beim Teddy Award. Familiäre Ach-du-auch-hier-Atmosphäre, schmale schwarze Anzüge, aufgerüschte Transvestiten, deutlich mehr Herren als Damen, Klaus Wowereit auf der Bühne, der das Grußwort spricht, und sein Partner Jörn Kubicki lauscht unten im Saal. Ja, wie Wowereit? Der ist doch gar kein Regierender mehr! Doch zu seiner Lieblingsveranstaltung auf der Berlinale lässt er sich offensichtlich gerne auch als politischer Altenteiler bitten. „Ja, liebe Freunde, nun habt ihr gedacht, ihr seid mich los“, flachst der Ex-Regierende, „aber wenn sonst keiner Zeit hat, dann kommen die Rentner zum Einsatz“. Dröhnender Applaus aus dem mit Leuten wie Hausherr Barrie Kosky, Rosa von Praunheim, Thomas Hermanns, Romy Haag, Zazie de Paris, Dunja Hayali, Marianne Rosenberg, Meret Becker, Monika Hansen, Nicolette Krebitz und Gloria Viagra besetzten Saal.

 Wowereit betont die ungebrochene, queere Filmfestivals in aller Welt befruchtende Bedeutung des ersten, seinerzeit von den Filmemachern Manfred Salzgeber und Wieland Speck (heute Chef der Sektion Panorama) gegründeten Filmpreises. Und die Bedeutung von Filmen im Kampf gegen gesellschaftliche Intoleranz, gegen Ausgrenzung und Verfolgung von Homosexuellen.

Kämpferische, das politische Bewusstsein der im Saal sitzenden saturierten Berliner Community schärfende Statements sind auch in den Dankesreden der Preisträger zu hören. Besonders beeindruckend: die HIV-Aktivistin aus Zimbabwe und der in seiner jungenhaften Schlaksigkeit sichtlich gerührte Regisseur Jim Chuchu aus Kenia.

Mehr schwul- als lesbische Veranstaltung

Schön an der Verleihung in der Komischen Oper: ein Bühnenbild, ein Orchester, Sänger und Tänzer sind schon da. Showtreppe und Goldblüten aus der Operette „Clivia“ verleihen dem knuffigsten Berlinale-Bären Glamour. Ebenso die dem Haus verbundenen Solistinnen Agnes Zwierko und die wunderbare Katharine Mehrling. Dass Kosky den Damen frei gegeben hat und nur Tänzer auf der Bühne stehen, verstärkt allerdings noch den Eindruck einer eher schwulen- als lesbischen Veranstaltung. Immerhin: die Wiener Band Pop:Sch hat eine Sängerin dabei. Und als Grand Dame im Fach schräges Schrei-Chanson ist Ingrid Caven, die Witwe von Rainer Werner Fassbinder gebucht.

Dem seligen Angedenken dieses 1982 verstorbenen großen Ahnen der queeren Filmfamilie ist der Teddy Award im 70. Geburtstagsjahr der Kinoikone gewidmet, wie „Teddy-Papa“ Speck erzählt. Keine Verleihung ohne Standing Ovation. Und die gilt an diesem bunten, organisatorisch etwas Teddy-typisch verwirrten Abend natürlich Udo Kier, dem Kultigen, dem Weltstar unter den Nebendarstellern. Schick in Schwarz und mit gelber Krawatte betritt er nach der liebreizenden Laudatio seiner Freundin Nicolette Krebitz die Bühne. Auch er ein Fassbinder-Wegfährte von Kölner Jugendtagen an. „Auch ich habe Liebe im Bauch“, zitiert er den Meister und erzählt, dass zu Hause in Palm Springs ein großer Plüschteddy in seinem Bett auf ihn warte. Den kleinen knuffigen hat er jetzt auch.

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