Berlinale Wettbewerb: "Colo" : An den Rand geschleudert

Beim portugiesischem Wettbewerbs-Beitrag auf der Berlinale sind alle wesentlichen Aussagen stumm: Teresa Villaverdes dunkel-schöne Familienstudie „Colo“.

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Gefiederter Freund. Alice Albergaria Borges spielt die Tochter Marta.
Gefiederter Freund. Alice Albergaria Borges spielt die Tochter Marta.Foto: Alce Films

Nur selten legt sich, ganz leise anfangs, doch darum umso hörbarer, Musik über diesen dunkel-schönen, langsamen Film, der Szene um Szene seine eigene Welt schafft und wie alles Gelungene sagt: Es gibt keine andere neben mir! 136 Minuten lang.

Es sind Geigen, diese Instrumente der Sanftheit, des Beseelten, des Vibratos, des unendlich sich verfeinernden Klangs. Doch das hier sind keine Töne einer Rettung, des Glücks gar, sie deuten, dissonant genug, seine Möglichkeit nur an. Oder sollte man sagen: Die Tür steht einen Spaltbreit offen, mehr ist es nicht.

Beim ersten Mal hat der Vater der Gymnasiastin Marta (Alice Albergaria Borges) gerade die wohl größte Demütigung seines Lebens erfahren, und zwar, wie bei größten Demütigungen nicht selten, durch sich selbst. Darum liegt er jetzt am Ufer einer Bucht, Sand im Gesicht. Hier wird er bleiben, denn nach Hause kann er nicht mehr, nicht so. Er hat einen alten Schulfreund bedroht und gezwungen, mit ihm zu diesem Strand zu fahren, an dem sie als Kinder waren. Zuvor hatte er gehofft, der andere würde ihm eine Arbeit geben können. Lange hat Martas Vater das gehofft, aber er antwortete nicht einmal.

Das letzte Mal setzt die Musik ganz am Ende ein, als seine Tochter allein in der Hütte eines Aalfischers einschläft. Die Kamera bleibt draußen, hat nur Blick für diese Hütte, kommt ihr langsam näher, rückt wieder ferner, sie sagt: Da ist ein Kokon um das Mädchen, eine Schutzhülle, ganz fragil, ganz durchsichtig noch, aber es ist eine. So hört das auf.

Von außen fast unsichtbar, werden Menschen plötzlich extrem

Vielleicht müssen wir uns nach dieser Berlinale fragen, ob wir den Begriff des Terroristen nicht neu definieren sollten. In Josef Haders „Wilde Maus“ wird ein entlassener Musikkritiker zur Gefahr für die öffentliche Ordnung oder zumindest für seinen einstigen Chefredakteur, in „Colo“ der Portugiesin Teresa Villaverde („Os Mutantes“, „Cisne“) folgt nun der nächste Fall solcherart Entfesselung. Die Tonlage beider Filme ist grundverschieden, und doch beschreiben sie das gleiche Phänomen: Äußerlich ist fast nichts geschehen, und doch leben Menschen plötzlich wie in einer Zentrifuge, werden mit jedem neuen Atemzug an die eigenen Ränder geschleudert.

Das einzige Normale an Martas Familie ist ohnehin nur noch ihre Wohnung, am Ende ist auch die weg. Die Mutter arbeitet zu viel, der Vater gar nicht, die Tochter ist siebzehn. Drei Krisensymptome per se. Aber hält eine Familie in der Krise nicht erst recht zusammen? So wie Martas Vater seiner Frau anfangs Frühstück macht und ihr sogar eine Blüte neben den Apfel auf den Teller legt. So wie Marta nichts fragt und alles versteht, als er zerschunden schließlich doch nach Hause zurückkehrt und nur eines möchte: eine Tomate mit Salz. Alle wesentlichen Aussagen in diesem Film sind stumm, das macht sie so kostbar, sie lassen sich nicht ohne Rest in die meinende Sprache übersetzen, es sind zu viele Gegenläufigkeiten darin, man könnte auch sagen: zu viel Wahrheit.

Gesellschaftskritisch, und doch viel mehr als das

Als der von João Pedro Vaz gespielte Vater nach seiner schlimmsten Nacht den Meereswellen entgegenläuft, fast gegen seinen Willen, ist das Untergang und Wiedergeburt in einem. Er ist ein anderer danach, stärker für andere. Aber es wird nicht genügen. Diese Familie zerfällt, trotz des guten Willens, den alle füreinander haben.

„Lass uns so tun, als ob wir kein Licht wollen!“, sagt die Mutter zu Marta, als der Strom abgestellt wird. „Lass uns so tun, als ob ich wieder klein wäre!“, antwortet die Tochter. So schnell kann Kraft versiegen.

Ist Teresa Villaverdes „Colo“ ein sozialkritischer Film, der Kino-Kommentar zur Wirtschaftskrise in Portugal? Nein, ist er nicht, dafür ist er zu gut. Aber er zeigt einmal mehr, dass letztlich niemand fremdbestimmter lebt als der Mensch der westlichen Vergesellschaftungsform, der sich für den Erfinder der Freiheit hält. Und dass seine Bindekräfte schnell versagen können, genau dort, wo er sie am nötigsten hätte. Der Widerruf: die letzten Violinen über Martas Fischerhütten-Exil.

16.2., 12 Uhr, 21.30 Uhr; 19.2., 15.30 Uhr (Friedrichstadtpalast), 18.2., 21.30 Uhr (Haus der Berliner Festspiele)

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