Berlinale-Wettbewerb : Stilles Leid

"Zuo You" erzählt die Geschichte eines geschiedenen und neu verheirateten Paares, das erfährt, das ihr gemeinsames Kind an Leukämie erkrankt ist.

Christiane Peitz
Zuo You
Szene aus "Zuo You". -Foto: Promo

Morgens um 9, zumal am Tag nach der Eröffnungsparty, braucht die BerlinaleBesucherin Adrenalinstöße. Hammerfilme zum Wachwerden, laute Musik, Action und Gags jedweder Art. Morgens um 9, das hat Tradition im Berlinale-Palast, laufen die ruhigsten aller ruhigen Wettbewerbsfilme. Das ist unfair, schließlich gibt es Meisterwerke, die ihren Zauber in aller Stille entfalten. „Zuo You“ („In Love we Trust“) aus China ist einer dieser verhaltenen Filme, ohne Musik, mit minimaler Kamerabewegung, leise weinenden und wortkarg leidenden Protagonisten. Déjà-vu: Wie im finnischen Wettbewerbsfilm „Musta jää“ geht es auch hier um Eheleute, die einander betrügen.

Regisseur Wang Xiao Shuai, der 2000 für „Beijing Bycicle“ einen Silber-Bären gewann, inszeniert aber keine gewöhnliche Beziehungskrise, sondern ein Psychodrama vor dem Hintergrund von Chinas Familienpolitik. Die kleine Tochter Hehe hat Leukämie, eine Knochenmarktransplantation von einem Geschwisterkind könnte sie retten, aber sie hat keine Geschwister. Schrecklicher Gedanke: Die geschiedenen und glücklich mit anderen Partnern liierten Eltern müssen ein zweites Kind zeugen, um ihr erstes zu retten – was weitere Kinder mit den neuen Partnern ausschließt. Die Folgen: Gewissensbisse, Eifersucht, Impotenz, Seelenpein, Rücksichtnahme bis zur Selbstaufgabe – eben stilles Leid, das Wang Xiao Shuai in beiläufigen, präzisen Bildern verdichtet.

Es sind Bilder von China, wie man sie aus dem Kino kaum kennt: keine Megacity, keine ländliche Armut, sondern gesichtslose Hochhaussiedlungen, die eine Hochbahn verbindet, tagein tagaus dieselbe Strecke. Chinas Mittelschicht: Hehes Mutter ist Wohnungsmaklerin, der Vater arbeitet auf Großbaustellen, seine neue Frau (Yu Nan aus „Tuyas Hochzeit“, dem Berlinale-Sieger 2007) ist Stewardess. Gestörte Verbindungen, Melancholie der Moderne: Ständig klingeln die Handys, und die großen Apartments lassen sich wegen der kleinen Familien nur schwer vermieten. In einer dieser leeren Wohnungen treffen sich Hehes Eltern am Ende, um ihren lebensrettenden, zugleich aber die Liebe gefährdenden Akt zu vollziehen. Christiane Peitz

Heute 18.30 und 23.30 Uhr (Urania),

20 Uhr (International), 17. 2., 19 Uhr (Berlinale Palast)

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