Berlinale-Wettbewerb : Tokio Modell

Doris Dörrie erzählt ein bayerisch-japanisches Märchen: In "Kirschblüten - Hanami“ wollen Trudi und Rudi, ein älteres Ehepaar, ihren Lebensabend weiter genießen. Doch Trudi - gespielt von Hannelore Elsner - stirbt. Ihr Mann macht sich auf nach Japan, um den Traum seiner Frau zu leben.

Peter von Becker
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Kirschmythen: Elmar Wepper und Aya Irizuki tanzen Butoh im Park. -Foto: Majestic Film

Wenn wir nur noch eine kurze Weile zu leben hätten und nun zum Finale eine neue, von jeher ersehnte Welt entdecken wollten. Das ist wohl eine alte, schon oft gespielte Geschichte: Ein bisschen Knocking on heaven’s door und näher, mein Gott, zu dir. In diesem Moment scheint fast alles möglich, doch für zwei Liebende, für ein Paar gibt es auch die Erkenntnis, dass die plötzlich so lebenslang schnell vergangene Zeit sich nicht nachträglich um das Versäumte, Niegesagte, Niegewagte drehen, verändern, verbessern lässt. Das erfahren jetzt Trudi und Rudi, das herrlich normale, das wunderbar märchenhafte Paar in Doris Dörries „Kirschblüten – Hanami“.

Als erstes Bild ein quietschbunter alter Holzstich des Fujiyama. Trudi Angermeier sagt im Off, dass sie mit ihrem Mann schon immer nach Japan wollte. Einmal den Fuji sehen und die Kirschblüte. Mit Rudi, denn ohne ihren Mann etwas zu sehen, das kann sie sich nicht mehr vorstellen. „Das wäre so, als hätte ich es gar nicht wirklich gesehen.“

Das nächste Bild im Bild ist eine Röntgenaufnahme. Trudi, gespielt von Hannelore Elsner mit ihren dunklen, auch in der Trauer noch immer den Schimmer eines Lächelns spiegelnden Augen, erfährt, dass ihr Ehemann Rudi, der als Abteilungsleiter der Abfallbeseitigung im oberbayerischen Weilheim kurz vor der Pensionierung steht, unheilbar an Krebs erkrankt ist. Zwar noch ohne spürbare Symptome, doch im Endstadium. Nun will sie’s dem Nichtsahnenden, will’s ihnen beiden noch irgendwie schön machen. Heiter eben, mit schwerstem Herzen.

Wie gleich zu Anfang zwischen japanischem Holzschnitt und Röntgenbild, zwischen Illusion, Schock und der realen bayerischen Postkartenlandschaft hält Doris Dörrie ihren neuen Zweistundenfilm auch zwischen den Menschen (und Kulturen), zwischen der Hingabe ans Sentiment und souveräner kompositorischer Intelligenz in der Schwebe. Haarscharf am Melodram vorbei und nie verlegen um tragikomische Effekte, wird ihre Erzählung beflügelt von einer wie selbstverständlichen Wahrnehmungsschärfe, Lebenskenntnis – und von spürbarer eigener Todeserfahrung (auch Dörries Mann, zugleich ihr filmisches Auge als Kameramann, starb an Krebs).

Eine zweifache Reise: ans Ende des Lebens – und ans Ende der im voralpinen Bauernhaus von Trudi erträumten, von ihrem Rudi dann leibhaftig, leibselig erlangten Welt. Denn Doris Dörrie schlägt eine Volte. Was aus Trudis Perspektive beginnt, wird zu Rudis Abenteuer, zur Japanreise im Geiste seiner vor ihm jäh am Herzschlag verschiedenen Frau. Wird so zum schauspielerischen Triumph von Elmar Wepper. Erst erscheint sein Angermeier-Rudi nur als das urbayerisch stoische, provinzlerische Anhängsel der Trudi-Gattin, die mit Hannelore Elsners schönem Altindianerinnengesicht am liebsten von den tragisch-magischen Masken und Gebärden des Butoh-Tanzes träumt. Vorerst aber reist sie mit Rudi zu den Kindern und Enkeln aus dem beschaulichen Bayern ins neue Berlin. Wo den Kindern, den modernen Zivilisationskrüppeln, die Alten meist auf den Wecker fallen – und diese das mit verständnisvollem Erschauern auch merken. Dabei stark in Nebenrollen: Birgit Minichmayr und Nadja Uhl. Dann geht’s an die Ostsee, dort wärmt Trudi den Mann mit ihrem türkisen Hausstrickjäckchen, das wirkt rührend, doch schon kommt der Tod.

So allein macht sich der Witwer nun tatsächlich auf nach Japan. Als Stellvertreter, als Schatten seiner Frau. Und in seiner großen stoischen Traurigkeit wird der Provinzdarsteller nun wirklich: zum bayerischen Weltschauspieler. Der in Tokios Hochhausbürowaben arbeitende Sohn, Trudis Liebling (Maximilian Brückner), hat kaum Zeit für den Vater, der nun nochmals allein ist. Elmar Wepper zieht durch die Riesenstadt und trägt auf dem furchigen Ex-Stenzgesicht mit Würde sein eigentlich albernes bayrisches Jägerhütchen und schaut, je weniger er die Fremde zu verstehen scheint, aus immer weiseren Augen. Noch in der verrückten Nacht mit den fiebrigen, unlesbaren Neonschriften, mit den Clubs, in denen ihm Schulmädchen ihre Pussys zeigen und Geishas ihn im Schaumbad massieren, bleibt er wie ein altes Wunderkind ganz bei sich. Nie lost in translation.

Auch Doris Dörrie gelingt ein Kunstgriff. Ausgerechnet in der japanischen Megalopolis kommt ihr Film, trotz digitaler Handkamera und oft improvisierten Straßenszenen, immer mehr zur Ruhe. Gerät in eine sonderbare Trance zwischen Hypermoderne und Tradition, zwischen Schrille und Stille, Zack und Zen. Auf einmal blühen die Kirschen, und Rudi (mit Trudis Strickjacke am Leib), trifft das Mädchen Yu, das als Nomadin im weißen Meer eines Stadtparks Butoh tanzt. Mit ihr (der sanft mitreißenden Aya Irizuki) wird er zu seiner letzten Reise aufbrechen, zum Fujiyama: dem „scheuen Berg“, der erst sein Haupt umwölkt. Tagelang. Bis er plötzlich weiß und ungeheuer oben vor der Himmelsbläue steht und der bayerisch-japanische Kreis sich schließt.

Heute 15 und 18 Uhr 30 (Urania), 22 Uhr 30 (International).

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