Berlinale-Wettbewerb : Wasserballett der Schmalspurganoven

Witzig und warmherzig: Johnnie Tos Krimi-Komödie "Man Jeuk - Sparrow“ kommt mit einem grandiosen Showdown daher. In dem Film um kleine Gangster und eine mächtige Frau brilliert vor allem die Kameraführung.

Nadine Lange
200561_0_4194d229
Zwielichtig: Kelly Lin und Simon Yam in "Man Jeuk". -Foto: Berlinale

„Ist es ein gutes oder ein schlechtes Zeichen, wenn ein Spatz ins Zimmer fliegt?“, fragt Kleinganoven-Chef Kei (Simon Yam) seine drei Kollegen beim Frühstück. „Ein schlechtes!“, ruft Bo (Lam Ka Tung) und erzählt zur Begründung eine krude Story, die ihm niemand abnimmt. Als die Gruppe Tage später am selben Tisch wieder zusammenkommt, sieht es so aus, als sei der Spatz tatsächlich ein böses Omen gewesen: Drei der Männer tragen Verbände – der vierte wird im Krankenhaus behandelt.

Und wer ist schuld? Natürlich eine Frau. In den Filmen von Hongkong-Regisseur Johnnie To sind die Frauenfiguren – wenn es überhaupt welche gibt – stets eine Bedrohung für die Einheit der Männerbünde, von denen er erzählt. Diesmal heißt die femme fatale Chun Lei (Kelly Lin). Sie ist die hübsche Ehefrau des alternden Triaden-Bosses Fu, den sie verlassen will. Weil Fu ihren Pass in seinem Safe hat, kann sie das aber nicht. Also bittet sie Kei und seine Taschendiebe um Hilfe. Kei findet den Auftrag einige Nummern zu groß für seine Trickser-Truppe, die zu viert auf einem Fahrrad fährt und deren einzige Waffen im Mund versteckte Rasierklingen sind. Aber Chun Leis Verführungskunst ist stärker.

So kommt es zu einem witzigen Diebstahl und zu einem phänomenalen Showdown in einer verregneten Nacht: An einer Ampel stehen sich die Männer von Fu und Kei wie im Western gegenüber. Statt Cowboyhüten haben sie schwarze Regenschirme tief übers Gesicht gezogen. Dabei tönt die Musik kurz derart beschwingt, dass es nicht verwundern würde, wenn die Gangster gleich ein Liedchen anstimmten. Doch dann wird es grün, die Reihen setzen sich in Bewegung und prallen in einer virtuosen Zeitlupen-Choreografie aufeinander. Wassertropfen fliegen, Klingen ritschen, Regenschirme rotieren.

Mit dieser Einstellung setzt To seine Reihe beeindruckender Showdowns fort. So inszenierte er in dem von Akira Kurosawa beeinflussten Leibwächter-Thriller „The Mission“ (1999), der seinen Durchbruch als Autorenfilmer des Action-Kinos markierte, eine grandiose Schießerei in einer Shopping Mall. Sein bisher ambitioniertester shoot out ist die etwa siebenminütige, ungeschnittene Eröffnungssequenz von „Breaking News“ (2004). Inzwischen entfernt sich der 52-jährige Vielfilmer, der auch Coppola, Scorsese und Peckinpah bewundert, immer wieder von den Schusswaffen. Keine einzige kam in seinen Triaden-Dramen „Election“ (2005) und „Election 2“ (2006) vor. Die verfeindeten Clans malträtierten sich mit Macheten, Ästen und Steinen. Nun also Rasierklingen. Sie sind eines der vielen Zeichen dafür, dass der experimentierfreudige To auch mit „Man Jeuk“ versucht, sein eigenes Gangster-Genre zu schaffen. So warmherzig und musikalisch wie er das hier tut, sollte sein nächster Schritt eigentlich ein Musical sein.

Heute 12 und 21 Uhr (Urania),

17. Februar, 10.30 Uhr (Urania)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben