Berlinale : Wie die Krise der Griechen im verfilmt wird

Gleich in drei Filmen aus Griechenland spielt die Wirtschaftskrise eine Hauptrolle. Doch das Lachen über die naheliegenden und etwas billigen Trostlosigkeitseffekte bleibt einem bald im Hals stecken.

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Bin dann mal weg. In Elina Psykous Film entführt sich ein TV-Star selber.
Bin dann mal weg. In Elina Psykous Film entführt sich ein TV-Star selber.Foto: Berlinale

Der Wind, der Wind. Fegt über das Bergland, reißt an den Baumkronen, als wären es Grasbüschel, singt hoch oben in den maroden Strommasten. Wind, Regen und Kälte wollen in dem Film „Sto Lyko“ gar nicht mehr aufhören. Aber es gibt in dieser halb fiktionalen, halb dokumentarischen Meditation von Christina Koutsospyrou und Aran Hughes auch einige Menschen. Wie auf einem barocken Gemälde treten wettergegerbte Gesichtslandschaften aus dem Dunkel, schrundige Finger führen einen Zigarettenstummel zum Mund, die Nase verschwindet hinter einem Becher. Genau diese Gesten, dieser Habitus – das ist Griechenland, zumindest das alte Berggriechenland: Rauchen, Nescafétrinken, verbunden mit einem lastenden fatalistischen Schweigen, das nur für Sätze wie: „Ich hab’s kommen sehen“ unterbrochen wird.

Schäfer und Ziegenhirte irgendwo in den Bergen von Epirus, das Geld reicht gerade so. Hin und wieder ein Cafébesuch, sonst sitzt man mit der in Decken gewickelten Frau in dem kalten Einzimmerhaus vor dem flimmernden SchwarzWeißfernseher und streitet über die Bierration. Die Kamera schmiegt sich in unendlich langen Einstellungen dieser Eintönigkeit an. Nach einer halben Stunde wird aus der nahen Teilnahme allerdings ein hochdramatisches Sich-Weiden. Früher waren die Großaufnahmen von griechischen Alten Insignien des einfachen ursprünglichen Lebens, heute sind sie symbolische Megazeichen fürs nackte Elend.

Die Krise hat die drei griechischen Filme im Forum fest im Griff: Schulden, Armut, zusammenbrechende Existenzen. Und die Abgeschiedenheit der Provinz, die in allen drei Filmen eine Art Fluchtraum bildet, erweist sich als Falle, in der alles nur noch schlimmer wird. In „I Kóri, die Tochter“ von Thanos Anastopoulos, flüchtet ein Schreiner aus der Großstadt in die Berge, weil er von seinem Kompagnon betrogen wurde und die Rechnungen nicht mehr begleichen konnte. Und die 14-jährige Tochter Myrto versucht ihn zurückzuholen, indem sie den Sohn des Kompagnons entführt, in der geschlossenen Schreinerei festhält und auf diese Weise das dem Vater unterschlagene Geld erpressen will. Früher lasen die griechischen Eltern ihren verwöhnten Gören jeden Wunsch von den Lippen ab, jetzt versuchen umgekehrt die verzweifelten Kinder zu retten, was nicht zu retten ist.

Der Reiz dieses Film liegt nicht nur in seiner Hauptdarstellerin, deren archaischer Ernst an die Mädchenporträts von August Sander erinnert; er liegt auch an dem differenziert gezeichneten Verhältnis zwischen der Entführerin und dem gekidnappten Jungen. Mal sind sie als Gemeinschaft der Hilflosen zärtlich miteinander verbunden, dann behandelt sie ihn mit ruppiger Ungeduld einer älteren Schwester, die sich langsam zur Gnadenlosigkeit der Erpresserin härtet. Wie in „Sto Lyko“ geht es in „I Kóri“ eher um die Beschreibung einer ohnmächtigen Situation. Dementsprechend hilflos und konstruiert wirkt das Showdown-Ende mit bedrohlich jaulender Kreissäge.

Ehrgeiziger und auch gelungener ist der Krisenumgang in „I Aionia Epistrofi Tou Antoni Paraskeva“ (Die ewige Rückkehr des Antoni Paraskeva), in dem Elina Psykou das Motiv der persönlichen Verschuldung mit der Vulgarität des griechischen Fernsehens kreuzt. Der verschuldete Star-Moderator Antoni Paraskeva (Christos Stergioglou) täuscht eine Entführung vor, indem er sich in einem geschlossenen Luxushotel versteckt und die Zeit damit verbringt, die mediale Reaktion seines Verschwindens auf seinem Sender zu verfolgen („Antoni, wir denken alle an dich. Und jetzt zur Werbung.“) und für sein persönliches Videotagebuch Molekular-Spaghetti herzustellen – was ihm nicht gelingt.

Das Lachen über die naheliegenden und etwas billigen Trostlosigkeitseffekte bleibt einem bald im Hals stecken. Dieser Supermoderator sieht nicht nur nichtssagend aus, er ist ohne mediale Spiegelung wortwörtlich ein Niemand. Er ist ursprünglich nur verschwunden, um seine Rückkehr als mediales Großereignis zu inszenieren, doch als er merkt, dass sein Sender gut ohne ihn auskommt, hat er keine andere Wahl: Er muss tatsächlich verschwinden, um bei den Menschen als „der Verschwundene“, als Mythos in Erinnerung zu bleiben. Er verlässt ohne Geld das Hotel, schlüpft in die Kleider einer Vogelscheuche und arbeitet an seiner mit lakonischer Beklemmung in Szene gesetzten Selbstauslöschung, die mit dem Abhacken eines Fingers beginnt und dem Erschlagen eines, der ihn erkannt hat, noch lange nicht aufhört.

Ein verschuldeter Schreiner flieht in die Berge, seine Tochter wird zur Kidnapperin

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