Berlinale: Woche der Kritik : Pragmatismus oder Protest

Die Kurzkonferenz "Lost in Politics" versucht das Verhältnis von Film und Politik zu ergründen. Sie eröffnet die Woche der Kritik, in der die Filmkritik eine eigene Stimme bekommen soll.

Christian Blumberg
Versucht Licht ins Dunkel zu bringen: Die Woche der Kritik.
Versucht Licht ins Dunkel zu bringen: Die Woche der Kritik.Foto: Manuel Schäfer

Wim Wenders empfiehlt mehr Filme über Klimawandel. Gerade in bewegten Zeiten sei das Kino zur politischen Stellungnahme verpflichtet, konstatierte der Regisseur im Tagesspiegel vom 25. Januar. Sein Vorschlag, der Erderwärmung mehr Spielfilme zu widmen, war Frédéric Jaeger am Donnerstag im Silent Green Kulturquartier eine Erwähnung wert. Denn so illustrativ wie Wenders wollte der Filmkritiker politisches Kino keinesfalls verstanden wissen.

Mit Jaegers Einwurf gegen die Gleichsetzung von Politik und Tagespolitik begann nicht nur die Kurzkonferenz „Lost In Politics“, sondern mit ihr auch die „Woche der Kritik“, einem noch jungen Supplement zur Berlinale. Wie bei anderen europäischen Festivals längst üblich, soll die Filmkritik damit auch in Berlin eine eigene Stimme bekommen. Zwar will man keine Gegenveranstaltung zu den Filmfestspielen sein, jedoch hat sich die „Woche der Kritik“ freilich gegründet, um all dem einen Raum zu geben, was ihre Veranstalter auf der Berlinale vermissen.

Blicke verschieben, nicht nur eingeübte Positionen einnehmen

Dazu gehören thematisch kuratierte Filmabende mit anschließenden Podiumsdiskussionen, bei denen man tiefer in die Materie einsteigen will als bei festivalüblichen Q&A-Runden. Und dazu gehört offenbar auch ein Politikverständnis, das sich nicht im Bedienen aktuell drängender Themen erschöpft, sondern in den Bereich der Filmästhetik reicht, in die Fragen filmischer Formen und ihrer spezifischen Erfahrungsmodi. Der dahinter liegende Vorwurf in Richtung Festivalleitung ist nicht neu. Obgleich sie als eine der politischsten Veranstaltung ihrer Art gilt, hat sich die Berlinale – insbesondere der offizielle Wettbewerb – schon oft anhören müssen, dass ihr Begriff von Politik zu konkretistisch sei.

Dagegen wollte man im ehemaligen Krematorium Wedding eine Politik der Ästhetik setzen, wie sie Nino Klingler, ebenfalls Filmkritiker, skizzierte. Mit Blick auf Gianfranco Rosis 2016 mit dem Goldenen Bären ausgezeichnete Lampedusa-Dokumentation „Fuocoammare“ zeigte Klingler, wie die thematische Agenda filmische Entscheidungen zu überdecken droht. Politisch sei es eben nicht, wenn bereits bestehende Diskurse nur wiederholt würden, sondern wenn Dinge in Bewegung kämen, wenn Blicke – auch die einer Kamera – sich verschöben und nicht bloß eingeübte Positionen einnähmen.

Einig wurde man sich nicht

In der anschließenden Diskussionsrunde gab es viel Zuspruch für diese Beschwörung einer transformativen Kraft des Kinos. Einzig Azize Tan, langjährige Direktorin des Istanbul Film Festivals, verteidigte ihre Kollegen von der Berlinale zumindest indirekt. Sie beschrieb die vielen Fallstricke, die es beim Programmieren eines Festivals zu umgehen gilt: Tagesaktuelle, möglichst oppositionelle Statements würden dabei genauso verlangt wie Konzessionen an das Populäre. Solchen Pragmatismus wollten ihre Mitdiskutanten nicht teilen. Der Abend entwickelte sich zu einem zunehmend koketten Schlagabtausch zwischen dem Philosophen Alexander García Düttmann und der griechischen Regisseurin Athina Rachel Tsangari.

Düttmann geißelte den politischen Inhaltismus vieler Filme als Ablasshandel mit dem Gewissenshaushalt eines westlichen Publikums, Tsangari wollte sich die kathartische Wirkung eines Kinobesuchs nicht kaputt machen lassen. Nach anfänglicher Totalverweigerung der Diskussion warb sie leidenschaftlich nicht nur für ihre Gefühle als Kinogängerin im Speziellen, sondern auch für den Kampf von Filmemachern um ihre Autonomie als Künstlersubjekte im Allgemeinen. Einig wurde man sich nicht, aber ist nicht Streit immerhin einer der Ursprünge von Politik? Ach, ja: Der Politikbegriff wurde bei all dem nicht vergessen, sah sich jedoch bald fast vollständig entgrenzt: Die vom Filmkritiker Rüdiger Suchsland provokativ gestellte Frage, ob es überhaupt unpolitische Filme gebe, blieb bezeichnenderweise unbeantwortet.

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