Berlinale : Zarte Schale, harter Kern

Von Südafrika nach Berlin: Begegnung mit Pia Marais, der Regisseurin von "Layla Fourie". Der Film ist, nach "Gold", der zweiten deutschen Beitrag im Wettbewerb.

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Blickwechsel. Pia Marais analysiert den Sicherheitswahn der südafrikanischen Oberschicht.
Blickwechsel. Pia Marais analysiert den Sicherheitswahn der südafrikanischen Oberschicht.Foto: Mike Wolff

Die schmale Gestalt, die Timoschenko-Zöpfe, das herzförmige Gesicht, das Duzen, das Antippen – bei so viel unkomplizierter Nettigkeit kann man sich leicht vertun. Denn Pia Marais ist alles andere als ein Leichtgewicht. Filmisch sowieso. Ihre ersten beiden Spielfilme „Die Unerzogenen“ und „Im Alter von Ellen“ sind nicht gerade das, was man nebenbei konsumierbar nennt. Und auch beim Treffen im Nachmittagsdämmer der Bar „Altes Europa“ in Mitte dauert es nicht lange und ihre Finger trommeln auf dem Tisch einen ungeduldigen Takt, wenn sie solche Sätze sagt: Natürlich sei die Apartheid in Südafrika immer noch spürbar, natürlich seien die Weißen immer noch die Wohlhabenden, doch immerhin sei in Johannesburg oder Durban eine starke schwarze Mittelschicht gewachsen. „Südafrika ist hoffnungsvoll, inspirierend und rührend.“ Die Menschen dort seien sehr wach, kämpften um Bildung und kümmerten sich trotz der Kriminalität etwa im Johannesburger Stadtteil Hillbrow in Nachbarschaftsinitiativen umeinander. Und dann die Kulturszene, die entwickele sich rasend schnell. „Das kann doch nur gut werden, wenn man das sieht.“

Sie jedenfalls will das unbedingt glauben. Doch selbst wieder in Südafrika leben möchte die 41 Jahre alte Regisseurin, die dort aufwuchs und nach Stationen in Spanien, Schweden, London und Amsterdam zum Kunststudium nach Düsseldorf und schließlich 1996 nach Berlin an die die DFFB kam, nicht. Die 40 Drehtage für ihren mit deutschem Geld produzierten Wettbewerbsbeitrag „Layla Fourie“, der eine südafrikanische Geschichte erzählt, haben diese alte Sehnsucht vertrieben. „Ich könnte nicht mit den dortigen Sicherheitssystemen leben. Und es ist absoluter Luxus, dass man so was in Europa nicht braucht.“ Außerdem ist Berlin bei aller von ihr persönlich und filmisch durchaus auch als Chance wahrgenommenen Wurzellosigkeit, für die Halb-Schwedin und Halb-Südafrikanerin längst ein Zuhause geworden. Einen Nachteil allerdings hat die polyglotte Existenz. Sie lacht. „Ich spreche jede Sprache mit einem komischen Akzent.“

Marais ist ein Hippie-Kind aus Hillbrow, das in den Siebzigern noch nicht der soziale Brennpunkt, die Gotham-City von heute, sondern das junge Szeneviertel Johannesburgs ist. Die schwedische Mutter studiert Chemie, der südafrikanische Vater ist Schauspieler. Die kleine Pia geht auf die Waldorfschule. Schwarze Mitschüler sind normal, Rassentrennung wird dort keine praktiziert. Auch schwarze Freunde der Eltern kommen ganz selbstverständlich ins Haus. „In einem Polizeistaat haben wir trotzdem gelebt.“

Die Eltern feiern gern und arbeiten wenig, so wie das auch die 14-jährige Heldin ihres 2007 herausgekommenen Regiedebuts „Die Unerzogenen“ erlebt. Das libertinäre Rumgehänge der Eltern habe sie durchaus fasziniert, sagt Pia Marais. „Trotzdem habe ich als Kind eine pathetische Hilflosigkeit verspürt, weil ich meine Eltern nicht zügeln konnte.“ Beruflich will sie sich von ihnen abgrenzen und „was Richtiges“ machen. Also Architektin werden, keinesfalls Kunst oder Film studieren. Hat anscheinend nicht ganz geklappt. Marais weiß schon, warum sie 2010 in ihrem zweiten Film „Im Alter von Ellen“, der beim Filmfestival in Locarno antrat, nun eine erwachsene Drifterin als Heldin inszeniert. Die positioniert sich – unter absichtlichen psychologischen und erzählerischen Auslassungen – nicht unter Späthippies wie im ersten Film, sondern unter autonomen Tierschutzaktivisten.

Bei „Layla Fourie“ sei die Figurenzeichnung jedoch ganz anders, sagt Pia Marais. Das Drehbuch hat sie zwar wieder mit ihrem seit gemeinsamen DFFB-Zeiten angestammten Koautor Horst Markgraf geschrieben. „Aber es ist viel Plot-orientierter als die vorherigen Filme.“ Kein Thriller, aber durchaus eine Suspense-Geschichte. „Mit einem Toten, aber ohne Mörder.“

Auf den Stoff ist sie in Kapstadt schon 2006 während eines längeren Rechercheaufenthalts für eine ursprünglich geplante Dokumentation gekommen. Da wird sie erstmals so richtig von der allumfassenden südafrikanischen Paranoia infiziert. Die Sicherheitsbranche ist in dem Land, das die gesetzliche Rassentrennung 1994 endgültig aufhob, eine Industrie. Das Geschäft mit dem Misstrauen, mit der Angst binde mehr Menschen als Armee und Polizei zusammen, sagt Pia Marais. „Ich wollte keinen politischen Film über das heutige Südafrika machen, aber diese Hightech-Sicherheit ist totale Science-Fiction.“ Damit meint sie das durch Mauern, Elektrozäune, Wachschutz, Alarmknöpfe und Fenstergitter gesicherte Leben privilegierter Südafrikaner in ihren zu kleinen Festungen aufgerüsteten Villen oder Wohngebieten. Also die immensen Anstrengungen der Reichen, sich vor den Folgen von Armut zu schützen. „Diese Maschinerie, die nicht mehr den alten Rassenkonflikt zwischen Weiß und Schwarz, sondern inzwischen die sozialen Unterschiede manifestiert – das ist ein Art fortgesetzte Apartheid“, ist Marais überzeugt. In Europa könne sich das keiner vorstellen, sagt sie. „Aber der europäische Zustand ist nicht mehr die weltweite Normalität.“

Vorbild für den Beruf der Titelheldin Layla Fourie – eine alleinerziehende Mutter in Johannesburg, die sich nach einem Autounfall in ein Gestrüpp aus Wahrheit, Lüge, Misstrauen und Schuld verfängt – sind von Pia Marais aufgestöberte Mitarbeiterinnen einer Sicherheitsfirma, die die in Südafrika absolut üblichen Lügendetektorentests durchführt. Der umstrittene Polygraf wird dort standardmäßig eingesetzt, beispielsweise bei Jobbewerbungen. Noch so eine beim akkurat aufgeschäumten Milchkaffee im „Alten Europa“ unvorstellbare Science- Fiction-Idee, die aus der netten Pia Marais eine energisch gestikulierende Diskutantin macht. So sehr, wie sie an die Zukunft Südafrikas glaubt, so sehr, wie sie das Land mit all seinen Schönheiten liebt, so scharf analysiert sie seine zerrissene Gegenwart. Etwa in diesem einfachen Satz: „In Räumen mit Panic Button schläft man nicht gut.“

11.2., 22 Uhr (Berlinale Palast), 12.2., 15 Uhr (Friedrichstadt-Palast) und 20.30 Uhr (HdBF), 15.2. 21.30 Uhr (Neues Off), 17.2., 15 Uhr (HdBF)

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