Berlinale : Zum Anfassen

383 Filme, 270 000 verkaufte Tickets und Gäste aus 136 Ländern: Was bleibt von der Berlinale? Und: Wie viel Berlin steckt in der Berlinale?

Elisabeth Binder[Juliane Schäuble],Christina Tilmann
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Die Welt ganz nah. Renée Zellweger auf der Berlinale Foto: ddp

Was seine größte Festivalfreude in diesem Jahr war, wird Festivalchef Dieter Kosslick zum Ende der Berlinale gefragt. Die Antwort kommt promt: der Friedrichstadtpalast. In der Tat, die neue Spielstätte für Wettbewerb und Gala-Vorstellungen hat sich als echter Coup erwiesen. Denkwürdige Szenen haben sich abgespielt: Angela Merkel auf dem Roten Teppich, vor der Premiere von „Effi Briest“. Oder Heike Makatsch, die als Hildegard Knef von den Fans umlagert, gefeiert, bejubelt wurde. Aber auch für die Bilanzen hat sich das neue Haus als Gold erwiesen: 1800 ausverkaufte Plätze jeden Abend, das hat die ohnehin spektakulär hohen Besucherzahlen bei der Berlinale noch einmal kräftig nach oben katapultiert. Einen Rekordverkauf von 270 000 Eintrittskarten vermeldet die Berlinale. Das sind 30 000 mehr als 2008.


Was zeichnet die Berlinale aus?

Die Berlinale, ein Publikumsfestival. Das ist das große Plus, gegenüber den Konkurrenten Cannes und Venedig, die – zwar an wetterfreundlicheren Locations – weitgehend unter Ausschluss der Öffentlichkeit vor einem Fachpublikum von Einkäufern und Journalisten stattfinden. Berlin hingegen, das ist direkter Kontakt zum Adressaten, dem Kinobesucher. Jubelnde Kids, die Rupert Grint, den Star aus „Harry Potter“, vor dem Babylon feiern, tumultartige Szenen rund um Kate Winslet, Renée Zellweger, Michelle Pfeiffer, die sich, trotz eisiger Temperaturen, ausführlich Zeit für Autogramme nehmen, Weltstars wie Brenda Blethyn oder Stephen Frears, die nach der Vorführung noch im Kinofoyer stehen und offen mit dem Publikum diskutieren. Wenn die internationalen Stars immer wieder erklären, sie kämen leidenschaftlich gern nach Berlin, ist das nicht nur der hippen Stadt, den Clubs, den Galerien geschuldet – sondern eben auch diesem direkten Kontakt zu einem einzigartig enthusiastischen Publikum.


Wie viel Berlin steckt in der Berlinale?

So viel Berlin wie dieses Jahr gab es lange nicht mehr auf der Berlinale. Ein deutscher Eröffnungsfilm, „The International“: gedreht in wesentlichen Teilen am Potsdamer Platz, im Sony-Center, am Hauptbahnhof. Die Fontane-Verfilmung „Effi Briest“: gedreht im Riehmer’s Hofgarten und Unter den Linden. Das Biopic „Hilde“, das mit Hildegard Knefs Ankunft in Tempelhof beginnt, „In dieser Stadt/kenn ich mich aus/In dieser Stadt/war ich mal zuhaus“. Und Kameramann Michael Ballhaus, der nach langen, erfolgreichen Jahren in Hollywood wieder in seine Heimatstadt zurückgekehrt ist und mit „In Berlin“ einen sehr persönlichen Huldigungsfilm dreht. Ex-Volksbühnen- Star Birgit Minichmayr, der Schaubühnen-Schauspieler Lars Eidinger in „Alle Anderen“, die Regisseure von „Deutschland 09“, die polnischen Wäscherinnen in Hans-Christian Schmids anrührender Doku „Die wundersame Welt der Waschkraft“, und der Spreepark-Pleitier in „Achterbahn“. So viel Berlin. So viel verschiedenes Berlin.

Und: Ein Potsdamer Platz, der brummt und funktioniert, wie niemals sonst rund um das Jahr. Das Herz des Festivals – das Herz der Stadt. Vielleicht hat Klaus Wowereit mit seiner Entscheidung, Tempelhof an die Modemesse Bread and Butter zu vermieten, doch gut gegriffen. Berlin, die wirtschaftlich dauerklamme Stadt, ist vor allem die Hauptstadt der Festivals. Dann funktioniert’s: die Stadt als Kulisse. Die Stadt als Magnet. Die Stadt als Symbol. Im Normalbetrieb mag vieles im Argen liegen. Der Ausnahmezustand müsste hier die Regel sein. Auch eine Erkenntnis, die wir jedes Jahr neu der Berlinale verdanken.


Was hat die Stadt von ihrem Festival?

Für Burkhard Kieker ist die Berlinale das perfekte Event. „Wenn es sie nicht schon gäbe, müsste man sie erfinden“, sagt der Geschäftsführer der Berlin Tourismus Marketing GmbH. „Sie passt perfekt zum Nimbus der Stadt. Und die Berliner sind Teil dieser Inszenierung.“ Die Berlinale entwickele sich zudem immer mehr zum Selbstläufer – „das merke ich auf meinen Reisen“. Daher könne man sich ein „gepflegtes Understatement“ beim Werben leisten. Das kommt an in der Welt, und die Welt kommt offenbar gerne nach Berlin. „Mit der Berlinale ist Berlin nach der Wende wiederentstanden zu einer Weltstadt“, sagt der Tourismusmanager.

Der Termin sei zudem nahezu perfekt gewählt. „Die Berlinale findet in der absoluten Nebensaison statt. Das hilft dem Tourismus vor Ort natürlich enorm“, sagt Kieker. Die Hotel- und Gaststättenbetreiber seien auch in diesem Jahr äußerst zufrieden mit ihrer Auslastung in den beiden Festival-Wochen.


Wie profitiert das Kino?

Den Berlinale-Virus konnte man sich leicht einfangen in den vergangenen Tagen . Überall in der Stadt gab es Hinweise aufs Festival, Poster, Plakate, es gab Schlangen vor Ticket-Countern, vor den vielen Festival-Spielstätten und Gedränge am Roten Teppich. Das hat unweigerlich Wirkung auch auf diejenigen, die sich sonst eher weniger für bunte Leinwandbilder interessieren. Wer das Epizentrum am Potsdamer Platz passierte, geriet fast unweigerlich ins Gespräch mit Besuchern aus aller Welt, sah die Roten Teppiche, nahm vielleicht kurz, im Vorübergehen am Public Viewing der außen übertragenen Pressekonferenzen der Stars teil und lief Gefahr, vor allem eins zu bekommen: Lust und Neugier aufs Kino. Im vergangenen Jahr wurden in der Europäischen Union bereits rund 920 Millionen Kinokarten verkauft, 0,3 Prozent mehr als im Vorjahr. In Russland stieg die Zahl der verkauften Kinokarten um 16 Prozent auf 124 Millionen. Berlin mit seinem weithin auch nach Osten ausstrahlenden Festival und den vielen Touristen aus osteuropäischen Ländern könnte dazu beitragen, dass diese Zahlen weiter steigen.


Was können andere von der Berlinale lernen?

Die Berlinale hat in den vergangenen Jahren auch Trittbrettfahrer bekommen, weil sie so erfolgreich ist. Tatsächlich können andere Branchen und Kulturbereiche hier etwas lernen. Aus dem Elfenbeinturm erreicht man heute niemanden mehr. Festivalchef Dieter Kosslick war realistisch genug, gleich von Anfang an zu erkennen, dass ein anspruchsvolles Programm allein nicht ausreicht. Emotion ist das Vehikel, das im Zeitalter der Großereignisse die Inhalte zu den Menschen trägt. Der Rote Teppich als Kunstform gehört dazu. Millionenschwere Hollywoodschauspielerinnen, die sich im eisigen Berliner Winter schulterfrei den Fans präsentieren, zeigen eine zukunftweisende Demut, die sich in der Hochkultur erst noch ausbreiten muss. Dass Staatsminister Bernd Neumann die Entwicklung der Berlinale zum „Festival der Herzen“ lobte, hat gewiss nicht nur romantische Gründe. Auch das Comeback des vor kurzem noch in finanziellen Turbulenzen schlingernden Friedrichstadtpalastes als Superkino zeigt, dass es sich lohnen kann, neue Wege zu denken und zu gehen.

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