Berliner Autor : "Ich liebe dieses schattige Eck"

Er schrieb Angestellten-Romane und Berlin-Erzählungen. Warum es sich lohnt, Martin Kessel zu lesen

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Westberliner Bohemien. Martin Kessel schrieb drei Romane, er erhielt 1954 den Büchner-Preis. Er starb 1990. Foto: Renate von Mangoldt
Westberliner Bohemien. Martin Kessel schrieb drei Romane, er erhielt 1954 den Büchner-Preis. Er starb 1990. Foto: Renate von...

Gerade wurde mit großem Brimborium der Zwischenkriegsautor Walter Mehring mit seinem Stück „Der Kaufmann von Berlin“ wiederentdeckt. Das Stück spielt kurz vor der Weltwirtschaftskrise am Bülowplatz, wo damals viele aus Galizien stammende Juden lebten. Dort lässt Mehring alle Typen, Redeweisen und Konflikte zusammenkommen, die damals in Berlin so tobten. Heute heißt der Platz Rosa-Luxemburg-Platz. Dort steht die Volksbühne, auch deshalb setzte Frank Castorf den „Kaufmann“ auf den Spielplan: als eine Art theatralische Stadtgeschichtserkundung.

In diesem Zusammenhang möchten wir die Aufmerksamkeit gern auf einen anderen Autor lenken, der mindestens ebenso vergessen ist wie Mehring, durch ein gerade erschienenes Büchlein aber wiederentdeckt werden kann, in dem es ebenfalls um einen Berliner Platz geht: Martin Kessel und seine zarte Erzählung „Am Laubenheimer Platz“.

Kessel, 1901 in Plauen geboren, starb kurz nach dem Mauerfall, im April 1990, genau dort, in der Laubenheimer Straße in Wilmersdorf, wo er seit 1928 in wechselnden Wohnungen der „Künstlerkolonie“ gelebt hatte. Die Kolonie war von der Genossenschaft deutscher Bühnenangehöriger und dem Schutzverband Deutscher Schriftsteller gegründet worden, um „ausschließlich Minderbemittelten“ Wohnraum zur Verfügung zu stellen. Vor der Machtergreifung der Nazis gehörten Ernst Bloch, Erich Mühsam, Peter Huchel, Ernst Busch und Wilhelm Reich zu Kessels Nachbarn. 1933 wurden, wie Klaus Völker im Nachwort schreibt, von den 300 Künstlern „die Roten“ und „die Juden“ verhaftet. Auch Kessels Wohnung wurde von SA-Sturmtrupps untersucht, „aber er blieb unbehelligt“, konnte dort weiter wohnen und schreiben: Gedichte, Essays, ironische Novellen zur „Physiognomie Berlins“ (Völker) oder die satirische Künstlernovelle „Die Schwester des Don Quijote“, die 1938 erschien, ebenfalls im Berliner Südwesten spielte und sich damals schon las wie aus einer anderen Zeit, aus Fontanes spätem neunzehnten Jahrhundert.

Kessel stand abseits. Bewusst hielt er Distanz zu literarischen Moden und Zirkeln, entzog sich dem Betrieb, und der große Erfolg blieb auch aus. Seit seinem Novellenband-Debüt „Betriebsamkeit“ von 1925 war er zwar anerkannt, blieb aber weitgehend unbekannt, woran auch der Büchnerpreis 1954 kaum etwas änderte. Kessels Drama war, dass sein wichtigstes Buch zur falschen Zeit erschien. „Herrn Brechers Fiasko“, ein Angestelltenroman über Effizienzwahn und Konformitätsdruck Ende der zwanziger Jahre, kam 1932 heraus, wenige Wochen vor Hitlers Machtergreifung. Das Thema war nicht mehr aktuell – vorsichtshalber zog die Deutsche Verlagsanstalt das Buch trotzdem zurück. Erst 1956 brachte Suhrkamp eine Neuausgabe heraus – und seitdem wird Kessel immer wieder neu entdeckt, um darauf gleich wieder vergessen zu werden, das letzte Mal, nachdem der Schöffling Verlag Kessels drei große Romane (neben „Brechers Fiasko“ und der „Schwester“ noch „Lydia Faude“) Anfang der nuller Jahre herausgegeben hatte.

Jetzt also die Erzählung „Am Laubenheimer Platz“, in einer bibliophilen Ausgabe der kleinen Friedenauer Presse. Kessel wählt bei seiner Platzbeschreibung den diametral entgegengesetzten Weg zu Mehring. Er füllt den Platz nicht, er leert ihn. Der Laubenheimer Platz (heute nach dem Theaterdirektor und Schauspieler Ludwig Barney benannt) liegt abseits von jedem Trubel, einer „der stillsten und angenehmsten“, „also die reinste Oase“. Kessel leert den Platz vordergründig von allen Zeitbezügen, weshalb man nicht sagen kann, wann die Erzählung spielt – in den fünfziger, zwanziger oder dreißiger Jahren.

Obwohl auf den wenigen Seiten alles ganz realistisch zugeht, taucht Kessels melancholische Ironie das Geschehen ins gedämpfte Licht einer ahistorischen Vergangenheit. Die Stille ist unheimlich. Und „man hat Zeit“ sich „gelegentlich einmal umzublicken“. Seit Ewigkeiten passierte der Ich-Erzähler das Geviert, ohne den Kopf zu heben, nun erblickt er „die Mädchen unter den Bäumen, reizende Geschöpfe“. Eine geheimnisvolle „Anziehungskraft“ beginnt zu wirken.

Eine Frau Weidlich erzählt ihm, dass ein Nachbar gestorben sei. Auf einer Parkbank berichtet die umtriebige Trude Spiralla von der letzten Theaterpremiere und einer Reise an den Persischen Golf. Und was hat es mit diesem Herrn Quentz auf sich, mit dem der Erzähler spärliche Wortwechsel über die Neugier der anderen unterhält? Er wird bald abgeholt, weil er Kinder vom Spielplatz missbraucht hat.

Die Idylle zeigt sich also als „Tatort“, und während der Erzähler weiterhin vom Geäst des Ahorn und den schönen Akazien spricht, taucht quasi unter den Büschen die Vergangenheit auf. Vom „tausendjährigen Reich“ ist die Rede, von Aufmärschen, Kundgebungen, aber auch von Protestveranstaltungen. Die Beiläufigkeit, in der Kessel das Schreckliche aus dem Schönen hervortreten, die Leichtigkeit, mit der er ein Gefühl von Bedrohung anschwellen und schwächer werden lässt, die Eleganz seiner Sätze, mit denen er den Platz gleichsam umkreist, all das zeugt von einer Altmeisterlichkeit, die vor allem eins nicht nötig hat: zu beeindrucken.

Als Letztes begegnet der Erzähler dem „Fräulein Delia Fuhse“, einer Studentin der Pathologie (!), die allerdings in Bäume vernarrt ist und aus ihrer „unheimlichen“ Rinde „das reinste Sanskrit aufrechter Selbstbehauptung“ zu lesen vermag. Der Erzähler ist von ihrer „sanftmütigen Unbeirrbarkeit“ gerührt. Bei ihrem ersten Gespräch sagt sie: „Ich liebe dieses schattige Eck.“ Glücklich im „schattigen Eck“, so möchte man sich den Schriftsteller Martin Kessel vorstellen.

Martin Kessel: Am Laubenheimer Platz. Erzählung, Friedenauer Presse, 32 S., 9,50 €.

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