Kultur : Berliner Baumarkt

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Von Ulf Meyer

Der Weltkongress der Architekten steht ins Haus. Drei wichtige ausländische Kulturinstitute in Berlin haben anläßlich des Architektur-Kongresses Beiträge erstellt: Während das französische Kulturinstitut ganz auf einen etablierten Star setzt, gibt sich das British Council betont jung und poppig, und die skandinavischen Länder zeigen bodenständige, umweltfreundliche Alltagsarchitektur.

Das Institut Français Berlin hat zusammen mit der „Association Française des Actions Artistiques“ eine Wanderausstellung über den Pariser Architekten Dominique Perrault zusammengestellt. Sie heißt „Morceaux Choisis“ („Ausgewählte Stücke“). Perrault, der nicht erst seit dem Bau der olympischen Rad- und Schwimmsporthalle in Berlin berühmt ist, hat Pläne, Fotos und Texte seiner neuesten Werke auf 32 von der Decke hängende Leuchtkästen aufgezogen. Zehn neuere Projekte hat er dafür ausgewählt, wie die neue Donau-City in Wien, das Tennisstadion Madrid und den europäischen Gerichtshof in Luxemburg. Allen Projekten gemein ist Perraults Wunsch, die Architektur zu entmaterialisieren: Im Kontext der Landschaft wird die Form untergeordnet. Perraults „Anti-Architektur“ stellt kein monumentales Volumen in den Raum. Auf hochgezüchtete Details kommt es ihm dabei nicht an, die Materialien dienen dem Raumeindruck. Metallmatten, Sichtbeton und Glas sind seine bevorzugten Baustoffe. Weitere Stationen der Wanderausstellung sind Rotterdam, Zürich und Mexico City.

Von großen Staatsaufträgen, wie Perraults neuer und heftig umstrittener Nationalbibliothek in Paris, können seine jungen britischen Kollegen nur träumen. Sie müssen sich mit Mini-Aufträgen, Designstudien oder städtebaulichen Analysen über Wasser halten. Die fünfzehn innovativen britischen Architekturbüros, die das British Council für die Ausstellung „Space lnvaders - junge Architektur aus Großbritannien“ ausgewählt hat, ist eine betont farbenfrohe Multimediashow. In der ebenso aufgeregt bunten Britischen Botschaft präsentieren sich kleine Architekturbüros mit ihren ersten Mikroprojekten: Vom Baumhaus über einen Bauzaun bis zum Friseursalon reichen die bisweilen originellen, bisweilen etwas bemüht verrückt wirkenden Projekte. In dem 1998 in London fertiggestellten Haar-Salon beispielsweise, den das Büro Block entworfen hat, werden die Hinterköpfe der Gäste per Videokamera gefilmt. Die Büros mit so bizarren n wie dECOi, FAT, Urban Salon, s333, MUF, Atopia, General Light & Power, Softroom und East vereint der unbedingte Wille zur typisch britischen Popkultur. Selbst jüngste Büros ergattern Projekte im Ausland oder lassen sich gleich ganz in anderen Ländern nieder, wie das Büro KDA, das von Tokio aus seine Kleinstprojekte realisiert. Die Weltoffenheit haben die jungen Briten ihren deutschen Kollegen allemal voraus.

Ebenfalls kongenial passen Ausstellungsort und -inhalt in den Botschaften der Nordischen Länder zusammen. Die Gemeinschaftsvertretung, die selbst einer kleinen Bauausstellung der nordischen Länder gleicht, zeigt eine Ausstellung über nachhaltige „Nordische Architektur als Ressource“ in ihrem „Felleshuset“. Die gemeinsame Vertretung der skandinavischen Länder ist wohl der gelungenste Botschaftsneubau im neuen Berlin und ein gutes Beispiel für die funktionierende nordische Zusammenarbeit in der Architektur. Die Schau wurde von der Gemeinschaft der nordischen Architektenverbände zusammengestellt, deren Umweltausschuss, das „Nordisk Miljönetvaerk“, die Projekte ausgewählt hat. Die Ausstellung hat in Berlin Weltpremiere, bevor sie nach Kopenhagen und Oslo reist. Der Schwerpunkt liegt auf dem gesunden und menschenfreundlichen sozialen Wohnungsbau, der in Nordeuropa auf eine reiche Tradition zurückblicken kann, aber auch landschaftsplanerische und städtebauliche Projekte werden präsentiert. In der Schau werden 19 Projekte aus Dänemark, Norwegen, Finnland, Island und den Faröer-Inseln gezeigt, die als nachhaltig gelten und nach 1995 realisiert worden sind. Die Ausstellung ist auf englisch beschriftet und muss leider weitgehend ohne Modelle auskommen. So unterschiedlich die verschiedenen nordeuropäischen Architekturen im Einzelnen sind, allen gemein ist der Umgang mit dem rauhem Klima und der Natur, die als Inspirationsquelle für den Umgang mit Form und Material dient. Diese Charakteristika und das besondere Nordlicht spiegeln sich in der Architektur wider. Die Nachhaltigkeit der Projekte beschränkt sich nicht auf den Einsatz umweltfreundlicher Baustoffe, sondern schließt auch städtebauliche Nachhaltigkeit mit ein. Sinnfälligstes Beispiel ist das alte Grünerlöka-Silo in Oslo, das von den Architekten HRTB zu einem Studentenwohnheim umfunktioniert wurde. Die runden Siloschächte sind auch nach dem Umbau noch deutlich sichtbar. Es wurden lediglich Ebenen eingezogen, Fenster hineingeschnitten und die Fassaden gedämmt - das Wohnsilo der nordischen Art ist heute das beliebteste Studentenwohnheim in Norwegen.

„Nordische Architektur als Ressource“ bis 31. August im Felleshuset der Botschaften der Nordischen Länder, Rauchstraße 1. „Morceaux Choisis" bis 24. August in der Galerie Müllerdechiara, Weydinger Straße 10. „Space invaders“ bis 31. Juli in der Britischen Botschaft, Wilhelmstr. 70-71, montags bis freitags von 13- 17 Uhr. Eintritt frei. Am 24.7. findet eine Podiumsdiskussion von 11-12.30 Uhr in der Botschaft zum Thema „New urban tools and strategies“ statt. Anmeldung unter Telefon 20457-0.

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