Kultur : Berliner Bebelplatz: Der Rest ist Verbrennung

Thomas Lackmann

Die Minderheit ballt die Faust in der Tasche. "Täuschen Sie sich nicht", sagt der Stadthistoriker, "für Ihre subtile Wahrnehmung findet sich keine Mehrheit in dieser Stadt". Er habe 30 Jahre Erfahrung in Berlin mit Orten, "die man nicht mehr anfassen soll. Wieviele solcher Orte kann sich die Stadt leisten?" Dieter Hoffmann-Axthelm spricht von dem Bebelplatz auf der anderen Seite der Linden: wo rund um das unterirdische Denkmal "Bibliothek" von Micha Ullmann eine Tiefgarage gebaut werden soll. Die diskutierte Topographie ist an diesem Abend im Kinosaal der Humboldt-Universität optisch präsent durch projizierte Zeichnungen und Fotos, ferner durch einen wirren Propheten vom Bebelplatz, der zwischendurch alle Welt und und das zehnköpfig besetzte Podium attackiert. Längst habe der Erfolg des Denkmals die parallelle Garagenplanung überholt, sagt Hoffmann-Axthelm. Es sei ein barbarischer Akt, wie die Widerlegung dieses Bücherverbrennungs-Mahnmals, "das Denkmal, nachdem es nun da ist, mit einer Tiefgarage zu unterfahren". Aber wieviel Bündnispartner finden wir für ein solches Argument? Würden wir die Million Schadenersatz zusammenbekommen, die der Garagen-Investor mindestens verlangt?" Zwischen der Schwierigkeit, sich eigener Geschichte zu erinnern, und dem Autowahn bestehe ein Zusammenhang. Das Autofahren sei das Medium des Vergessens.

Die schroffe Zivilisationskritik wird durch den Senatsbaudirektor zwar bestätigt: Berlin habe "im Zeichen des Verkehrs in den letzten 20 Jahren alles ausradiert", einmalig sei diese "Amnesie" in der Welt - "wieviel Konfrontation mit diesem Medium des Vergessens lassen wir zu?" Einstimmig, sagt Hans Stimmann, habe man seinerzeit Ullmanns radikale Skulptur, "deren Akzeptanz seitdem alle überrascht", gewollt, er selbst sei "ein Motor dafür" gewesen. Doch an der Garagenplanung, von der in der Denkmals-Auschreibung explizit nicht die Rede war, seien sämtliche politische Instanzen beteiligt gewesen ("da hatten wohl alle ein blackout"). Der Erbbauvertrag mit dem Investor wurde im Juli 2000 unterzeichnet, die Baugehmigung lasse sich nun nur noch politisch stoppen. Ein alternativer Garagenort unter den Linden sei zu Gunsten der geplanten U 5 verworfen worden (deren Bau Berlins neue Regierung eben ausgesetzt hat). Wenn man das Forum Friderizianum samt Linden-Mittelstreifen autofrei habe, werde der Bebelplatz schöner erscheinen; Ullmanns Werk werde nicht angetastet, das alte Pflaster wieder hergestellt. Argumente des Historikers Laurenz Demps, der in den vergangenen Wandlungen des Ortes keine Garagen-Legitimation erkennt, und Einwände des Propstes von St. Hedwig, der durch die geplante Garagenabfahrt an der Behrensstraße den zum Forum gehörenden Begegnungsort vor seiner Kirche gefährdet sieht, prallen ab. Die Staatsoper brauche Parkplätze, sagt Dirigent Barenboim: so sagt Stimmann.

Berlins Kultur-Frontmänner haben sich im Streit um den Bebelplatz bislang eher einseitig aus dem Fenster gelehnt. Am Saaleingang hängen Zitate des Ex-Senators Christoph Stölzl, der den sensiblen Künstler Ullmann "weltfremd" nennt, schließlich habe der Scheiterhaufen auf dem Platz, nicht darunter gebrannt. György Konrad, Präsident der Akademie der Künste, zitiert den Direktor des Jüdischen Museums, Blumenthal, der ihn warnte: er solle sich mit der Verteidigung eines unterirdischen Loches als Mahnmal der Reue "nicht lächerlich machen". Der Moderator Matthias Flügge zitiert ein künstlerfreundliches Urheberrechtsurteil, in dem jede "Verschlechterung des objektiven geschaffenen Gesamteindrucks", zu der die Präsentation eines Kunstwerkes gehört, abgewiesen wird. Der Künstler Frieder Schnock widerspricht Stimmanns Verschönerungs-Versprechen: Die vier Parkhaus-Aufgänge auf dem Platz würden sich zu klassischen "Pißecken" entwickeln. Und wieso eigentlich verfüge der mit den Entwürfen zum Forum Friderizianum befasste Architekt Kleihues über die "Gestaltungshoheit zur Stadtmöblierung"?

Moralische, stadtplanerische Argumente: für eine Ästhetik des Untergrunds, des Kontextes, des Unsichtbaren - gegen eine Höhle der Verbrennungsmaschinen? Micha Ullmann sagt wenig. Er bekräftigt, dass zu seinem Entwurf jene Poller gehören, die den Platz - in dessen Mitte eine Scheibe den Blick hinab gestattet - autofrei halten: Sie markieren ebenso das unterirdische Umfeld seines Werkes, das die Erde, Grundwasser, Stille und Abwesenheit als Material einbezieht. "Ich kann und will Berlin nicht zwingen, die Skulptur zu sehen, wie ich sie sehe. Sie soll gewollt werden." Die PDS fordert ein Moratorium zum Garagenbau. Doch dass Berlins Kultur-Protagonisten Ullmanns Werk bislang zwar lobten, aber kaum verstehen, ist die bestürzendste Erkenntnis des Abends: ihre zitierten Äußerungen lassen darauf schließen, und ihr Schweigen. Der Rest ist Wahlkampf; auch eine Verbrennungsmaschine.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben