Kultur : BERLINER BEITRÄGE: Der Körper und ich

JOHANNES ODENTHAL

Bei dem Wort Tanz denkt man an ein gesellschaftliches Ereignis, an Paartanz, traditionelle Rituale oder synchronisierte Ensembles.Das Tanzsolo wird häufig als armes Theater gelesen.Ein Choreograph muß mit einem Tänzer, zumeist sich selbst, auskommen, kann sich kein Ensemble leisten.Das Solo also als eine kulturelle Erscheinung in Zeiten reduzierter Mittel.

Dabei wird ausgeblendet, daß die Geschichte der Tanzmoderne entscheidend durch Solowerke mitgeschrieben wurde.Ich möchte sogar die These aufstellen, daß das Tanzsolo vielleicht die konsequenteste Ausdrucksform des modernen Tanzes ist.Der Beginn der Tanzmoderne, die Zeit um 1900, geprägt vor allem durch Tänzerinnen wie Isadora Duncan, Loie Fuller oder die deutschen Ausdruckstänzerinnen Mary Wigman, Valeska Gert, später dann Gret Palucca, Harald Kreutzberg oder Dore Hoyer, findet seine künstlerischen Höhepunkte in Solowerken.Und auch Schlüsselchoreographien des modernen Balletts wie "Nachmittag eines Fauns" oder "Sacre du Printemps" von Vaslav Nijinskij können gelesen werden als Einblick in die Psyche eines Individuums.Die Geschichte der modernen Tanzsoli kann interpretiert werden als eine Emanzipationsbewegung aus überlieferten Mustern und Verboten, die den menschlichen Körper belegt hatten.Vor allem mit Isadora Duncan artikulierte sich ein neues Verständnis von Bühnentanz, in dem die persönliche Lebenserfahrung der Tänzerin und die künstlerische Form nicht mehr getrennt erlebt wurden.Das persönliche Material, bis dahin durch die Rollen verdrängt, wird zum Bestandteil der Bühnenwirklichkeit.

Dabei bedeutet das Solo eben nicht Rückzug aus dem Sozialen.Vielmehr ist es die radikalste Form der künstlerischen Selbstanalyse für einen Dialog mit dem Zuschauer.Jedes Solo entsteht im Dialog mit dem Betrachter.Im Kontakt mit dem Boden, dem Raum, dem Licht, dem Rhythmus des eigenen Körpers und der Musik und der Wahrnehmung des Publikums setzt sich jeder Solotänzer mit den existentiellen Bedingungen der Bühne auseinander.Solowerke sind deswegen oft Lehrstücke, in denen sich der Tänzer seiner Ideen versichert.Die bedeutendsten Soloarbeiten der Moderne werden folglich auch immer von den Choreographen selbst getanzt.Der Tänzerchoreograph erprobt an sich selbst das Material seiner künstlerischen Vorstellung.

Natürlich haben sich die Körperkonzepte, auch die Ideen von Bewegung verändert.Während Isadora Duncan sich selbst tanzte und mit den kosmischen Kräften kommunizierte, während Mary Wigman zur Hexe wurde und mit ihrer Ästhetik des Häßlichen das bürgerliche Frauenbild konterkarierte, untersuchen Choreographen wie Emio Greco oder Jérôme Bel die Grenzbereiche zwischen Bewußtsein und Bewegungsimpulsen.Jan Fabre und Meg Stuart haben in ihren Solowerken die Spaltung des modernen Individuums thematisiert.Emio Greco zeigt in seinem Solo "bianco", daß er nicht allein ist in seinem Körper, daß er mit seiner Hand in Dialog treten kann, um in der nächsten Sequenz seinen Körper zu verlassen.

Was jedoch die Choreographen der 90er Jahre vielleicht am deutlichsten unterscheidet von ihren Pionieren zu Beginn der Moderne, das ist das Wissen um den Körper, die verschiedenen Körpersysteme aus Skelett, Flüssigkeiten, Muskulatur, das Wissen aber auch um die Konstruktionen der Körperbilder und um die Möglichkeiten ihrer Dekonstruktion.Die Soloprogramme des Festivals Tanz im August 1998 verfolgen verschiedene Spuren einer Entwicklung, die sich in ihrer Vielfalt vermittelt, wenn man allein die Soloarbeiten betrachtet, die in Berlin in den letzten 20 Jahren gezeigt wurden.Zu den Choreographen gehören Künstler wie Gerhard Bohner mit seinen großen Solowerken in den 80er Jahren.Susanne Linke und Reinhild Hoffmann, Istmael Ivo und Kazuo Ohno, Kai Takei, Saburo Teshigawara, Gesc Gelabert, Vera Mantero, um nur die international bekanntesten zu nennen.

Unterscheiden möchte ich drei Traditionslinien, aus denen heraus die Künstler arbeiten: Das erste sind die Dekonstruktivisten, Jérôme Bel, Beno¬¤t Lachambre.Sie gehören zu einer Choreographengeneration, die sich zusammen mit Meg Stuart und Boris Charmatz radikal mit der eigenen Körpergeschichte konfrontieren.Gleichzeitig reflektieren sie die Möglichkeiten von Darstellung.In ihren Arbeiten verlassen sie die ästhetischen Diskurse des Tanzes.Sie arbeiten an einer neuen Definition von Theater.

Das zweite sind die Bilderstürmer, die Choreographen um Jan Fabre.Es geht um die Körperbilder und ihr Verhältnis zur Wahrnehmung des eigenen Körpers.Ausgehend von den theatralen Mitteln ist der Körper die Projektionsfläche des Begehrens.Auch die Arbeit von Annamirl von der Pluijm geht von den Körperbildern aus.

Die dritte Linie sehe ich bei den Bewegungsforschern, die aus der Improvisation heraus zu einer neuen Qualität des Tanzes finden.Überwältigend waren hier die Solos von Steve Paxton, der einen neuen Performanceraum auch für Tänzer wie Russel Maliphant oder Marc Tompkins erschlossen hat.

Herausragende Einzelgänger sind die Tänzerchoreographen Urs Dietrich und Emio Greco.Letzterer ist eine der großen Entdeckungen der 90er Jahre.Er führt den Dialog zwischen Choreograph und Bewußtsein auf der einen Seite und Tänzerkörper und Unbewußtem andererseits auf die Spitze.Urs Dietrich hingegen hat in seinen Solowerken immer eine Gratwanderung zum Androgynen gezeigt.Das andere Geschlecht ist Teil seiner Identität als Performer.Damit greift das Festival 1998 eines der zentralen Themen der Tanzmoderne auf und legt Spuren für die Entwicklung ins nächste Jahrhundert.

Der Autor leitet im Haus der Kulturen der Welt die Abteilung für Musik, Tanz und Theater

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