Kultur : BERLINER BEITRÄGE: Vakanz wohin man sieht

HEINZ BERGGRUEN

Die Ernennung von Michael Naumann ins Schattenkabinett von Gerhard Schröder hat viel Aufregung verursacht und nicht nur in der politischen Opposition.Auch in den Reihen der SPD findet Naumanns negative Beziehung zum geplanten Holocaust-Mahnmal oder seine positive Einstellung zu einem neu zu errichtenden Stadtschloß viel Ablehnung.In den einzelnen Ländern fürchtet man, daß ein Kulturministerium auf Bundesebene die Autonomie der für die Kultur in den Ländern Verantwortlichen stark einschränken wird.Vielleicht ist Michael Naumann ein besserer Verleger und Publizist als Diplomat.Vielleicht hat er zu schnell, zu hart, zu kantig Positionen bezogen, bei denen andere gewohnt sind, vorsichtig und oft zögernd Kompromißlösungen vorzuschlagen und zu akzeptieren.Jedenfalls hat Naumann mit einer bemerkenswerten Portion von Vitalität - und das finde ich sympathisch - klar dargelegt, was seine Absichten sind.

Mir geht es nun darum, zur Kulturszene in Berlin ein paar Bemerkungen zu machen, über die man meiner Meinung nach vordringlich nachdenken sollte.

Die kulturelle Bundeshauptstadt ist verwaist.Werner Knopp, der verdienstvolle Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ist seit Monaten im Ruhestand, und über seinen Nachfolger hat man sich bislang nicht einigen können.Peter-Klaus Schuster, der Direktor der Alten und Neuen Nationalgalerie wie auch des Hamburger Bahnhofs, geht dieser Tage als Generaldirektor der Bayerischen Gemäldesammlungen nach München.Und wer wird den Generaldirektor der Berliner Museen, Professor Wolf-Dieter Dube, ersetzen, der demnächst, spätestens in zwei oder drei Jahren, ebenfalls sein Amt verläßt?

Es ist Dubes Verdienst, sinnvolle Entscheidungen getroffen zu haben.Die Gemäldegalerie im Kulturforum am Kemperplatz hat er mit großer Beharrlichkeit und erfolgreich aus ihrer Teilung zwischen Dahlem und dem Bode-Museum in die Mitte Berlins zurückgeführt.Seiner, Dubes, Initiative darf ich verdanken, meine Sammlung Klassischer Moderne im westlichen Stülerbau in Charlottenburg auszustellen.

Auch für Dube ist noch kein Nachfolger im Gespräch.Dringende Entscheidungen, die getroffen werden müßten, werden verschoben.Vakanzen wohin man sieht.Berlin als kulturelles Waisenhaus ist alles andere als wünschenswert.

Michael Naumann, soweit ich weiß, ist nicht politisch engagiert, und das scheint mir eine gute Sache.Es ist wichtig, daß jemand, der für kulturelle Belange auf höchster Ebene verantwortlich ist, aus der unpolitischen Szene kommt und daß die Freiheit seiner Entscheidung unbeeinflußt bleibt von politischen Ausrichtungen.Man denke an General de Gaulles mutigen Entschluß vor Jahren, den großen Schriftsteller André Malraux zum Kulturminister Frankreichs zu ernennen.Man konnte de Gaulle wahrhaftig nicht vorwerfen, besondere Sympathie für linksorientierte, progressive "Literaten" aufzubringen, die in der Volksbewegung gegen den Diktator Franco gekämpft hatten.Das aber hinderte de Gaulle nicht, dem Verfasser der "Condition humaine" das Kulturamt seines Landes anzuvertrauen.

Stimmen sind laut geworden, daß in Deutschlands föderalistischem System ein Kulturministerium auf höchster überparteilicher Ebene nicht durchführbar sei.Für Antje Vollmer, die Vizepräsidentin des Bundestages, besteht kein Zweifel, daß es verfassungsrechtlich möglich sei, ein unabhängiges Bundeskulturministerium zu schaffen.Es scheint mir wesentlich und daher wünschenswert, daß große Themen wie Goethe-Institute im Ausland, wie Beutekunst, wie das Holocaust-Denkmal gebündelt auf Bundesebene entschieden werden sollen.Es scheint mir wichtig, daß bei großen kulturellen Veranstaltungen internationalen Charakters, wie dem Filmfestival in Cannes, der deutsche Repräsentant rangmäßig die gleiche Stellung einnimmt wie seine Kollegen aus dem Ausland.Das alles gehört zum Programm von Michael Naumann.

Wie immer die Entscheidung im September fallen wird: ich denke mir, daß eine Situation, wie sie gegenwärtig in Berlin existiert, nicht länger bestehen sollte, und somit wäre die Schaffung eines unabhängigen Kulturbeauftragten, so wie Schröder sie plant, eine dringend notwendige Lösung.Wir alle, die wir die Bundeshauptstadt lieben, wollen einfach nicht, daß das kulturelle Berlin verwaist bleibt.

Der Autor lebt als Kunstsammler in Berlin und Paris.Seit dem vergangenen Jahr sind die bedeutendsten Werke seiner Sammlung im Berliner Stüler-Bau zu sehen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben