Kultur : Berliner Bilder: Der Zug der Zeit

Moritz Schuller

Kaum war der Krieg zuende, griff Fritz Eschen sofort zur Kamera. Er hatte das Arbeitsverbot der Nazis überlebt, vor der Deportation hatte den Juden die Heirat mit seiner "arischen" Frau gerettet. Seine Rollei war auch noch vorhanden und so machte er dort weiter, wo er vor den Nazis sehr erfolgreich aufgehört hatte: er fotografierte Berlin und die Berliner.

Eschen wollte der "Chronist" seiner Zeit sein. Vor dem Krieg tat er das als ein Bildjournalist, der Fotoreportagen veröffentlichte. Berühmtheiten wie Max Liebermann, Erich Kästner und Richard Strauss war er nicht nur Porträtist, sondern auch Freund. Trotz der beruflichen und biografischen Brüche schließen sich seine Bilder aus der Nachkriegszeit nahtlos an. Er wurde wieder zum Chronisten, diesmal vom ausgebombten Pariser Platz, vom zerstörten Kudamm und vom Aufbau der Freien Universität in Dahlem. Während des Kriegs wurde Eschen gezwungen, für die Reichsbahn zu arbeiten, vielleicht ein Glück für den Eisenbahnfan. Schon Anfang der dreißiger Jahre hatte Eschen das Drama und den Alltag der Bahn fotografiert. Die frühen Bilder vom Anhalter Bahnhof, bei denen man den Rauch der Lokomotiven zu riechen meint, besitzen ein historisches Gegenstück: Nach dem Krieg fotografiert Eschen aus ähnlicher Lage das gleiche Bild - geblieben ist nur das Portal, während sich dahinter schon der erste Hochhaus-Neubau abzeichnet.

Das Willy-Brandt-Haus zeigt die Bilder zusammen mit einigen Bildern seines Sohnes Klaus. Klaus Eschen, Richter am Verfassungsgericht, hat seine eigene Zeit dokumentiert: Von ihm stammen Porträts einiger RAF-Terroristen.

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