Kultur : Berliner Blut

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Peter Laudenbach beobachtet

eine Benefiz-Aktion der besonderen Art

Volker Ludwig, der Chef des Berliner Grips Theaters, wurde schon zur Ader gelassen. Auch Bernd Wilms, Intendant des Deutschen Theaters und Jürgen Schitthelm, der Chef der Schaubühne, müssen bluten. René Pollesch und Thomas Ostermeier wollen auch noch ihr Herzblut opfern. Im Lichthof des Berliner Martin-Gropius-Baus sind acht Krankenhausbetten aufgestellt, freundliche Schwestern aus der Charité in blauen Kitteln zapfen den Künstlern ihre Halbliter-Portionen ab. Auf der Balustrade spielt ein Streichorchester: Mendelssohn-Bartholdy, Klassik trifft Splatter. Die Künstler machen blutigen Ernst. Kein Wunder, sind doch beide, Blut wie Kultur, Lebenselixiere.

Das ist keine Aktion des Trash-Metzgers Schlingensief oder eine letzte Berliner Inszenierung des Blut- und Tanzbodenmeisters Kresnik. Es ist eine Spende, mit der die Berliner Kulturszene der notleidenden Berliner Bankgesellschaft aufhelfen möchte. Das macht sie schließlich ungewollt schon länger. Von den 300 Millionen Euro, mit denen die marode Bank den Berliner Haushalt jährlich belastet, kommen im nächsten Jahr 26 Millionen aus dem Kulturetat, was zwangsläufig zu Schließungen und einer Schmälerung der Berliner Kultur führt. Während gegenüber im Berliner Abgeordnetenhaus der Sparhaushalt beschlossen wird, macht die symbolische Eigenblut-Therapie der Kunstszene das drohende Ausbluten der Kultur sichtbar.

Nebenbei wird mit der Spende für die am Tropf der Allgemeinheit hängende Bankgesellschaft die konventionelle Annahme, Kunst sei nicht mehr als schönes Beiwerk der Gesellschaft, ausgehebelt: Nur die Kunst kann die Wirtschaft retten, so die These von Mark Siemons, dem subversiven Interpreten gesellschaftlicher Stoffwechselprozesse. Er erklärt in einer kurzen Rede, weshalb die Kunst sich ökonomischer Instrumentalisierung entziehen müsse, will sie ihre Würde behalten. So wird das Opfer-Geschenk der Künstler ein kleiner Sabotageakt am Gesetz zweckrationaler Vernunft: Die Kunst als Geste der Verschwendung unterläuft die Regeln der Ökonomie.

Sabine Weißler meint als Sprecherin des Rats für die Künste in ihrem Eröffnungsstatement, der Rat habe lange gehofft, mit „unblutigen Formen der Kultur das Überleben sichern zu können“. Davon scheint angesichts der konfusen Kulturpolitik der rot-roten Landesregierung wenig übrig geblieben zu sein. Öffentlich kündigt Frau Weißler dem Kultursenator die Bereitschaft auf, am lange geplanten „Forum Kultur“ mitzuwirken: „Wir sehen keinen Sinn in der reinen Applaus- und Akklamationsveranstaltung, zu der das Forum Kultur zu werden droht.“ In einem Brief an Senator Thomas Flierl hat der Rat für die Künste bereits vor Tagen erklärt, die Mitglieder, Spitzenvertreter aller wichtigen Berliner Kulturinstitutionen, sähen keine Veranlassung, sich an weiteren Gesprächen zu beteiligen. Angesichts der von Flierl beschworene Diskursethik ist das nichts anderes als ein Misstrauensvotum der Berliner Kulturszene gegenüber dem Kultursenator.

Nebenan, vor dem Anhalter Bahnhof, protestieren derweil Einrichtungen zur Betreuung psychisch Kranker gegen die Sparmaßnahmen. Sie diagnostizieren eine „Metropole zwischen Wahn und Sinn“.

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