Kultur : Berliner Brecht-Haus: Der lange und nicht immer lustige Weg nach unten

Ulrike Baureithel

Der "Klausner" auf Hiddensee war so etwas wie eine Oase, wo sich ausgestiegene Festlandbewohner in den achtziger Jahren verdingten. Zwischen Eisbein und Sauerkraut bildeten sie sich nicht nur zu Spezialisten insulaner Gastronomie aus, sondern entdeckten, wie der damals mittzwanzigjährige Lyriker Lutz Seiler, auch neue literarische Horizonte. In seinem Fall waren es die schmalen Gedichtbände von Elke Erb, die er in der Freizeit auf den Inselklippen verschlang. Gegen das heftige Dementi der anwesenden Autorin verteidigte Seiler am vergangenen Wochenende die "mentale Mentorschaft" Elke Erbs für "die Dichter vom Prenzlauer Berg" und bestätigte damit ganz unfreiwillig ein Bild, das die Literaturwissenschaftlerin Frauke Meyer-Gosau zuvor skizziert hatte.

Die Texte vom Prenzlauer Berg, so hatte sie nämlich behauptet, seien die "jugendlichen Manifestationen einer literarischen Aussteigerbewegung" gewesen. Die von jungen Männern dominierte Strömung habe sich als Absetzbewegung von aller offiziellen DDR-Kultur verstanden, und ihre überschätzten literarischen Zeugnisse ließen sich nur noch vor dem Horizont des untergegangenen DDR-Staates entziffern. Selbst unter günstigeren Bedingungen, sprich: auch ohne die destruktive Stasi-Debatte, die Anfang der neunziger Jahre das literarische Feld "Prenzlauer Berg" erodierte, wäre die "Prenzlauer-Berg-Connection" dazu verurteilt gewesen, Durchgangsstadium zu bleiben, weil sie ihre Voraussetzung, die autoritären Verhältnisse, verloren hatte.

Doch über diese abgeklärte Betrachtung eines historischen Phänomens hinaus bleibt elf Jahre nach der Wende und neun nach der Enttarnung von "Sascha Arschloch" und anderen als Stasi-Spitzel die Frage, was aus den Autoren und Autorinnen jener einst hochgelobten und dann so peinlich kompromittierten "inoffiziellen Literaturszene der DDR" geworden ist. Im Literaturforum des Brecht-Hauses bemühten sich in ungewohnter Arbeitsgemeinschaft Dichter und Literaturwissenschaftler zwei Tage lang um eine Bestandsaufnahme, die Ausgang nahm an der Frage, ob sich die damals entwickelten Literaturstrategien unter den Bedingungen der neuen Bundesrepublik als tragfähig erwiesen haben oder die literarische "Ankunft nur eine Randerscheinung" geblieben ist.

Dass sich dabei gegen den erklärten Willen der Veranstalter von der Humboldt-Universität die "inoffizielle Literaturzene" in der Diskussion immer wieder auf die "Texte vom Prenzlauer Berg" verengte, war nicht in erster Linie dem Eröffnungsvortrag Meyer-Gosaus anzulasten, sondern dem "unaufgeklärten" Gegenstand selbst: Obgleich viele Vertreter der inoffiziellen Literatur mit der Berliner Stadtteilszene gar nichts oder nur am Rande zu tun hatten, gilt letztere bis heute als "Chiffre" für jene "andere" Sprache und Lebenskultur, die sich autonom, "ent-grenzt", "authentischen" Ausdruck zu verschaffen beanspruchte.

Doch was ließ sich vom Leben der literarischen Bohème herüber retten in die neue Republik? Bert Papenfuß verteidigt heute die "Reste der Subkultur", wie er in der Abschlussrunde erklärte, nicht nur als Lyriker, sondern auch als Szene-Kneipier. Für den Literaturwissenschaftler Roland Berbig ist er ein typischer Vertreter jener Fraktion, die sich für den Literaturbetrieb als "inkommensurabel" erwies, was sich, wie Berbigs erhellende Analyse der ost-west-deutschen Vergabepraxis von Literaturpreisen zeigte, auch darin niederschlägt, dass Papenfuß trotz erheblicher poetischer Potenz kaum mit Preisen bedacht wird.

Im Unterschied zu Papenfuß hat Wolfgang Hilbig im letzten Jahrzehnt einen rasanten literarischen Aufstieg hinter sich, obwohl gerade er, wie Uwe Schoor schmunzelnd bemerkte, prädesteniert gewesen wäre, zum Autor des "Sozialistischen Realismus" zu avancieren. Dem Stoff nach weiterhin der DDR verhaftet, gelingt es Hilbig - im Gegensatz etwa zu den Sprachexperimenten Gert Neumanns oder den "labyrinthischen Romanessays" von Detlev Opitz -, sich einem breiten Lesepublikum mitzuteilen. Opitz, so die Kritikerin Sieglinde Geisel, sei ein Beispiel für jene auch von den Prenzl-Berg-Autoren kultivierte kokette Verweigerungshaltung, die in jeder Veröffentlichung eine integritätsschädigende "Entkleidung" vermutet.

Eine Entmythisierung der Prenzlauer-Berg-Szene unternahm auch Mitveranstalterin Birgit Dahlke: Ihre Inspektion führte jene gnadenlose Marginalisierung von Frauen in einer Männerdomäne vor, die Annett Gröschner bereits in ihrer Lesung "Durchgangszimmer Prenzlauer Berg" thematisierte. Gröschner hat sich mittlerweile, unabhängig von der "Szene", doch in enger Verbindung mit ihrem Herkunftsmilieu, in bescheidenem Maße als Autorin durchgesetzt. Das einstige Authentizitäts-Gebot löst sie heute gerade nicht in der Selbstschau ein, sondern in ihren literarisch-ethnografischen Streifzügen durch den Alltag.

Wenn irgendeine Erkenntnis den gelegentlich etwas seminaristisch wirkenden Vorträgen abzuringen war, so die banal anmutende Feststellung, dass vom Fluchtpunkt aus viele Zielgeraden möglich sind. Ob Autoren überhaupt irgendwo ankommenn müssen, wagten vor allem die Älteren, Gerhard Wolf oder Elke Erb, anzuzweifeln. Die westlich-linke "Phantasmagorie" einer "reinen" Literatur ist mit der Abwicklung der "Prenzlauer-Berg-Connection" - so Meyer-Gosau selbstkritisch - jedenfalls wieder einmal erledigt.

Mittlerweile haben sich die Kombattanten von einst nur noch wenig zu sagen. "Auf dem Markt sind wir alle chancenlos", ließ Thilo Köhler wissen, worauf die aus dem Westen stammende Dorothea Dieckmann, sichtlich genervt vom Szene-Habitus, bissig konterte: "Es würde mich wundern, wenn die Leute, von denen hier heute die Rede war, den Wunsch hatten anzukommen." Zu Markte getragen wurde niemand, hatte Meyer-Gosau sich selbst revidiert, wer dort gelandet ist, wollte auch hin.

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