Berliner Dächer (4) : Und Katzen knabbern an den Gräsern

Unten wohnen, oben gärtnern: Im vierten Teil unserer Sommerserie geht es auf die Kreuzberger Terrassen. Die atemberaubende Aussicht öffnet Blick und Herz.

von
Auf festen Planken. Pflanzkübel zieren die Dachterrasse der aus Hamburg zugezogenen Familie Holthausen.
Auf festen Planken. Pflanzkübel zieren die Dachterrasse der aus Hamburg zugezogenen Familie Holthausen.Foto: Mike Wolff

Auf dem Dach von Catrin Holthausen herrscht regelrecht Betrieb. Auf ihrer kleineren Terrasse, auf gleicher Höhe mit dem Dachgeschoss, haben sich der hier bis vor Kurzem noch mit dem Ausbau beschäftigte Schreiner und eine Fotografin niedergelassen, um die neuesten Kreationen der Möbelwerkstatt für eine Werbekampagne aufzunehmen: Sitzbänke, Hocker, praktische Behältnisse für Kaminholz. Vor dem Hintergrund rankender Wicken macht sich das hölzerne Mobiliar gut. Die Terrasse liefert das perfekte Setting, schließlich dürfen die Sitzgelegenheiten auch draußen stehen.

Über eine schmale Treppe, die direkt aus der Küche aufwärts führt, hat die Hausherrin derweil ein silbernes Kaffeetablett einen Stock höher aufs Dach balanciert. Fühlte man sich auf der kleineren Terrasse noch in die Kulisse von Mary Poppins, dem fliegenden Kindermädchen, hineinversetzt: überall Dachschrägen, backsteinerne Kamine, Brandwände. So öffnen sich hier oben Blick und Herz, über dem Kopf nur noch der freie Himmel. Die Aussicht ist atemberaubend: Vorne, über die grünen Baumwipfel der Gneisenaustraße hinweg, sind die Hochhäuser am Potsdamer Platz zu sehen, dann der Fernsehturm; nach hinten, vorbei an den Hinterhöfen, der Klotz Flughafen Tempelhof, das Gasometer Schöneberg. Gleich rechter Hand prangt riesengroß die Uhr der Kirche am Südstern und sagt, wie spät es ist. Die Besucher machen „Ah!“ und „Oh!“. Catrin Holthausen genießt die Komplimente.

Weiß jetzt, wo die Leitungen liegen. Hausherrin Catrin Holthausen hat den Bau der Dachterrasse persönlich überwacht.
Weiß jetzt, wo die Leitungen liegen. Hausherrin Catrin Holthausen hat den Bau der Dachterrasse persönlich überwacht.Foto: Mike Wolff

Seit vergangenem September ist die 100 Quadratmeter große Terrasse vollendet und nun erstmals richtig in Benutzung. Unter einem riesigen Sonnensegel samt Lichterkette für die Abendstunden ist auf den hölzernen Planken eine Sitzlandschaft arrangiert, in weißen Pflanzkästen aus Fiberglas wiegen sich Gräser sanft im Wind, dazwischen sprießen Witwenblumen, da und dort blüht es violett, Hummeln sind auf den Dolden gern zu Gast. Der Dachterrasse mit ihren schnurgeraden Beeten ist anzusehen, dass sie gerade erst entstanden ist. Die fünfköpfige Familie wohnt noch nicht lange hier.

Die Verwandlung des ursprünglichen Trockenbodens in eine Doppelwohnung, den Terrassenbau auf dem Dach des imposanten Gründerzeit-Hauses in der Gneisenaustraße hat Catrin Holthausen höchstpersönlich überwacht. Seitdem weiß sie, wo die Leitungen liegen. Die Familie logierte derweil monatelang in einer Zwischenwohnung, und Klaus Holthausen trieb als Finanzchef die Gründung der neuen hauseigenen Mercedes-Werbeagentur Antoni voran. Für dieses berufliche Projekt folgten Ehefrau und die drei Söhne dem Vater aus Hamburg nach Berlin und ließen in Reinbek eine Villa samt Riesengarten zurück. Das Großstadtleben, der Kreuzberger Kiez, eine fulminante Dachterrasse waren der Ausgleich dafür.

Die Sonnensegel auf Entspannung gesetzt. Auf der 100 Quadratmeter großen Terrasse kann man die Zeit leicht vergessen.
Die Sonnensegel auf Entspannung gesetzt. Auf der 100 Quadratmeter großen Terrasse kann man die Zeit leicht vergessen.Foto: Mike Wolff

Catrin Holthausen liegt damit voll im Trend. Nicht nur für Studenten, Künstler und berufliche Neueinsteiger besitzt die Stadt eine hohe Attraktivität, auch das Establishment, das sich den Kauf großer Wohnungen, dazu den Ausbau einer Dachterrasse leisten kann, zieht es nach Berlin. Denn ganz billig ist das nicht, Mieter investieren eher selten so viel Geld in ein solches Projekt, weiß Gartenbau-Expertin Aniela Horntrich, die Familie Holthausen bei der Gestaltung ihrer Terrassen beriet.

Zuvor redete allerdings die Denkmalpflege noch ein Wörtchen mit. Das vom Maurermeister Fritz Hesse um 1889/99 errichtete Prachthaus mit dem neobarocken Stuckdekor sollte nach der Fassadensanierung auch an seiner obersten Kante aussehen wie einst. Nicht nur die ursprüngliche altdeutsche Schieferdeckung für das Vorderdach wurde gewünscht, auch ein Ziergitter als Abschluss, das eigentlich nur durch eine alte Zeichnung überliefert war, sollte wieder her. Auf der Terrasse der Holthausens dient sie nun als Ballustrade. Da sich der geschwungene Stahl des Gitters jedoch allzu weit öffnet – mit Besuchern auf dieser Ebene hatte damals noch niemand gerechnet –, steht noch ein schützendes Glas davor, das die Absturzgefahr bannt.

14 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben