Berliner Dächer (5) : Wer sagt denn, dass Beton nicht klingt?

Toll, was alles im Dach der Berliner Philharmonie steckt: Lärmschutz, jede Menge Technik – und man kann sehen, warum der Saal ein Instrument ist, mit der Decke als Schalldeckel. Eine Expedition.

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Zirkus Karajani. Die Fassade des Scharoun-Baus ist mit Aluminiumstrukturplatten verkleidet, auch das geschwungene Dach ist mit Aluminium gedeckt.
Zirkus Karajani. Die Fassade des Scharoun-Baus ist mit Aluminiumstrukturplatten verkleidet, auch das geschwungene Dach ist mit...Foto: Mike Wolff

Das größte Wunder der Philharmonie ist ziemlich klein und oben im Dach versteckt. Es sieht aus wie ein Korken mit einer Art Moosgummiplatte davor und einem Stahldraht-Abhänger, an dem die mit Dämmmatten belegte Saaldecke hängt. Ein Elastomer-Element, erklärt Ludwig Falta, der oberste Gebäudemanager. Dutzende dieser elastischen Gebilde sorgen dafür, dass die Saaldecke mitschwingen kann mit der Musik. Ähnlich wie der hölzerne Leib eines Cellos oder wie ein Klavierdeckel. Der Korken und die Platte verwandeln die Philharmonie in einen einzigen riesigen, 26 000 Kubikmeter fassenden Resonanzkörper. Oder wie Simon Rattle sagt: „Der Saal ist das Instrument“.

Wir stehen im Dachraum der Philharmonie, an den höchsten Stellen ist er fünf Meter hoch. Vorher hat der Fahrstuhl uns – den Fotografen und die Reporterin – sechs Stockwerke nach oben befördert, wir sind mit Ludwig Falta weitere Treppen gestiegen, haben auf dem südlichen Austritt den Blick bis weit in den Westen schweifen lassen, sogar das Corbusierhaus an der Heerstraße erspäht und ein paar Schritte auf dem nördlichen Flachdach riskiert. Die Folieneindeckung, die seit dem Brand 2008 das leicht entzündliche Bitumen ersetzt, ist butterweich unter den Füßen.

Drüben im Glashaus des Sony-Centers essen sie gerade zu Mittag, und auf dem Nachbardach des Musikinstrumentenmuseums sind zwei Imker bei ihren Bienenstöcken zugange. Die Wabenplatten besitzen die gleiche honiggelbe Farbe wie die Aluminiumhaut der Philharmonie.

Expedition ins Dach der Berliner Philharmonie
Von außen kennt sie jeder. Hans Scharouns Philharmonie mit ihrer goldenen Fassade aus Aluminium-Strukturplatten. Auch das geschwungene Steildach ist mit Aluminium gedeckt.Weitere Bilder anzeigen
1 von 17Foto: Mike Wolff
11.08.2017 12:02Von außen kennt sie jeder. Hans Scharouns Philharmonie mit ihrer goldenen Fassade aus Aluminium-Strukturplatten. Auch das...

Schon das Außendach des Scharoun-Baus hat einiges zu bieten. In der Mitte erhebt sich das geschwungene Steildach mit hinterlüfteter Holzschale, Dämmung und Aluminiumeindeckung. Oben auf dem First thront der Phoenix, die geflügelte Skulptur von Hans Uhlmann. Ludwig Falta macht uns auf das Blitzschutzsystem mit Fangstangen und Metallleitungen aufmerksam; die kleinen besiebten Töpfchen am Boden dienen als Einlässe fürs Regenwasser; hinzu kommen Antennen, Scheinwerfer, Entrauchungsklappen, die Kühlgeräte der Lüftungsanlage. Ganz schön viel drauf auf so einem Dach.

Die strahlend goldene Fassade der Philharmonie sieht so ganz aus der Nähe übrigens trübe aus. Was daran liegt, dass die 1981 nachträglich angebrachten Aluminiumstrukturplatten eine durchscheinende, aber matte Kunststoffverkleidung besitzen. Hans Scharoun wollte eine transluzente Haut, die war wegen der Kostenexplosion beim Bau in den Sechzigern (von geplanten sieben auf finale 17 Millionen Mark, im Rückblick ein Spottpreis!) nicht finanzierbar. Deshalb gab’s erstmal die berüchtigte schnöde Betonfassade, hilfsweise gelb angemalt. Erst neun Jahre nach dem Tod des Architekten konnte sein Assistent Edgar Wisniewski die Goldhaut realisieren. Da das Material brennbar ist, ist zusätzlich eine Fassadenlöschanlage mit zahllosen Sprühköpfchen angebracht.

Der hohe Dachraum dämmt die Außengeräusche, dazu gibt's überall Akustikmatten

Jetzt aber rein ins Dachinnere, in den Hohlraum zwischen der tragenden, sieben Zentimeter dicken Betondecke, an der die Saaldecke hängt, und der oberen, nochmals mit Akustikmatten gedämmten Holzkonstruktion samt Alublechhaut. Dass der Luftraum über dem berühmten verschachtelt-fünfeckigen Saal so groß ausfällt, hat zunächst mit dem Stadtraum zu tun. Der Dachspeicher dämmt die Außengeräusche, den Straßenverkehrslärm und damals in den sechziger Jahren sogar die Überschallflugzeuge, die einst durch den Himmel über Berlin donnerten. Auch die sollten den Musikgenuss bitte nicht stören.

Unter den Betondeckeln finden sich die Kabel und Leuchten für den berühmten Sternenhimmel des Philharmonie-Saals.
Unter den Betondeckeln finden sich die Kabel und Leuchten für den berühmten Sternenhimmel des Philharmonie-Saals.Foto: Mike Wolff

Keine Frage, die der oberste Hausmeister des Zirkus Karajani nicht beantworten könnte. Ludwig Falta sagt nicht Dämmung, sondern Bedämpfung, weiß, dass die Außenverkleidung der Goldfassade aus Epoxidharz besteht und dass die vielen kleinen Betonhütchen auf der mittleren Decke die Stahlseile verkappen, damit sie im Brandfall nicht ausglühen. Die Saaldecke nennt er Rabitzdecke.

Rabitz? Ein riesiges Drahtgeflecht, ausgefüllt mit einem Mörtelgemisch inklusive Tierhaare. Die Haare verhindern, dass es zu Rissen kommt, so bleibt die Resonanzdecke dicht und die Akustik der Philharmonie verlässlich. Und sie reagiert wie gesagt auf die Frequenzen der Töne, die vom Orchesterpodium bis hierhin emporsteigen, 22 Meter hoch. Ludwig Falta kniet sich hin, um uns unter dem Gitterrostboden das entscheidende Elastomer-Element zu zeigen. Die Kunst steckt im Detail: Hier spielt die Musik. Ein Augenblick der Ehrfurcht.

Allein 70 Mikofonwinden und zehn Lautsprecherzüge gibt es im Dach

Wenn Simon Rattle der Maestro der Philharmoniker ist, ist Ludwig Falta der Maestro der Philharmonie. Er kennt hier jede Schraube. Sein Orchester sind die Leute von den Fachfirmen, die das Gebäude in Schuss halten. Sie kümmern sich zum Beispiel um die 70 elektromotorischen Mikrofonwinden und die zehn Lautsprecherzüge im Dachstuhl, überall schwarze, verkabelte Kästen auf je eigenen Metallgestellen. Und um die sogenannte Obermaschinerie, Prospektzüge, die mit Scheinwerfern oder Übertitelungsdisplays bestückt werden können.

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