Berliner Ensemble : Bei Thalbachs Brecht herrscht Maskenpflicht

Katharina Thalbach inszeniert Brechts „Im Dickicht der Städte“ im Berliner Ensemble. Geschmackssache waren ihre Inszenierungen schon immer.

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Berliner Ensemble,Katharina Thalbach,Bühne,Schauspiel,MitteSchwer zu sagen, was da eigentlich stattgefunden hat bei Katharina Thalbachs erster Inszenierung am Berliner Ensemble. Hatte die Regisseurin den (womöglich hintersinnigen) Ehrgeiz, Brecht älter aussehen zu lassen, als er je wurde? Oder wollte sie mit dessen Frühwerk „Im Dickicht der Städte“ den waghalsigen Beweis antreten, dass Hollywood und Broadway gegen den Schiffbauerdamm einpacken können? Wenn sich der dekorativ in Fetzen geschnittene Vorhang öffnet, ertönt der Jingle der 20th Century Fox. Brecht als BlockbusterSchnulze: Wahnsinnig originell wäre der Ansatz zwar nicht. Aber: Es wäre immerhin einer.

Als nächstes kommt allerdings ein Mann auf die Bühne getänzelt, unter dessen weißer Maske Zuschauer mit besonderer physiognomischer Decodierungsbegabung den Schauspieler Gustav Peter Wöhler erkennen können. Er schlüpft durch mehrere unterschiedlich große Türen. An der ersten, einem Exemplar im Hundehüttenformat, bleibt er fast hängen. Bei der letzten erreicht er kaum die Klinke. In diesem Moment hat man Hollywood vergessen und fühlt sich eher wie im Weihnachtsmärchen für die ganze Familie.

Brecht als Seelenwärmer für kalte Wintertage – auch dies könnte durchaus ironische Absicht sein. Zumal es zunächst wie eine Persiflage auf den zu Tode zitierten V-Effekt wirkt, wenn parallel zu den vom Band eingespielten Großstadtgeräuschen via Leuchtschrift der Hinweis „Lärm“ aufblinkt. Nur leider erhärtet sich im Laufe des knapp dreistündigen Abends der Verdacht, dass die Ironie nicht beabsichtigt ist. Eher gewinnt man den Eindruck, dass Thalbach während der Proben in Ehrfurchtsstarre verfallen ist vor dem Brecht-Tempel, an dem sie selbst – noch als Teenager – ihre Schauspielkarriere begann. Schließlich war es Helene Weigel persönlich, die der damals 14-Jährigen 1968 einen Elevinnenvertrag am Berliner Ensemble anbot und ein bezahltes Studium an der Schauspielschule ermöglichte. Die Auflagen der Brecht-Erben, mit denen sich jeder Regisseur herumzuschlagen hat, können an diesem unentschiedenen Abend mitnichten allein schuld sein.

Geschmackssache waren Thalbachs Inszenierungen mit ihrem Hang zum knallbunten Kindergeburtstag schon immer. Aber einen gewissen Pfiff, eine freche, anarchische Lust, konnte man ihnen nie absprechen. Davon fehlt an diesem Abend jede Spur. Die Darsteller wechseln zwar ständig die Klamotten, sehen dabei aber aus, als wären sie alten Modellbüchern des Brecht-Theaters entsprungen – obwohl übers Leuchtband die Börsenkurse laufen. Auch der Bühnenbildner Momme Röhrbein zieht im Verbund mit der Haustechnik alle Register: Ist von großstädtischer Anonymität die Rede, werden Hochhäuser auf den Fetzenvorhang projiziert. Befinden wir uns im „Chinesischen Hotel“, in dem Gargas Braut Jane auf Shlinks Betreiben zur Prostituierten abgestiegen ist, wird die Bühne in rotes Schummerlicht mit chinesischen Schriftzeichen getaucht.

Maskenpflicht herrscht übrigens nicht nur bei Wöhler: Höchstwahrscheinlich, weil Brecht darauf hingewiesen hat, seine Stück-Inspiration unter anderem von einem Augsburger Jahrmarkt geschöpft zu haben, sehen sämtliche Schauspieler aus wie Puppen. Da die Mimik von ihren textilen Camouflagen größtenteils geschluckt wird, sind diejenigen, die sich auf eine einzige Facette konzentrieren, am überzeugendsten. Wöhler zum Beispiel schafft es, den Holzhändler Shlink als melancholischen Alten zu zeigen, der durch die Feindschaft aufblüht wie andere durch eine neue Liebe. Janina Rudenska hingegen legt ihre Sexworkerin Jane an, als hätte sie bei Frank Castorf an der Volksbühne hospitiert und agiert damit in maximalem Kontrast zu Sabin Tambrea als George Garga und Judith Stößenreuter als dessen Schwester Marie. Die stehen mit ihren an sich ehrenwerten Ernsthaftigkeitsanflügen hier geradezu lächerlich auf verlorenem Posten.

Brecht selbst bezeichnete „Im Dickicht der Städte“ als Stück, in dem sich der Philosoph besser zurechtfände als der Psychologe. Klaus Michael Grüber hat es einmal in einem Meer alter Schuhe inszeniert, in dem der Kampf gar nicht mehr stattfand, sondern nur noch Erinnerung war. Bei Katharina Thalbach mutiert das Dickicht nun zu einem Abend, den vor allem Brecht-Touristen lieben werden: So museal sah der alte BB lange nicht aus.

Nächste Vorstellungen am 7.11., 17 Uhr und 18.11., 19.30 Uhr

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