Berliner Ensemble : Der Pudel kann’s nicht lassen

2 x Berliner Ensemble: Martin Wuttke begeistert in "Gretchens Faust" – Bonds "gerettet" enttäuscht.

Christoph Funke

Es ist, nein, es wird angerichtet, auf einer riesigen Tafel quer durch das Foyer des Berliner Ensembles. Schwarzgekleidete Serviererinnen mit Schürzchen bauen in trainierter Exaktheit auf blütenweißem Tischtuch edles Geschirr, Besteck, Gläser, Kerzenleuchter auf. Roter und weißer Wein fließt in die Gläser, wer in der ersten Reihe sitzt, kriegt was ab. Auerbachs Keller im Rangfoyer? Vielleicht. Die diensteifrigen Damen offenbaren sich als Chor für „Gretchens Faust“, einen Goethe-Abend von und mit Martin Wuttke. Viel zu tun gibt es für die Frauen, sie stellen eine Vielheit von Gretchen dar und sind zusätzlich für noch allerlei weitere Gestalten engagiert. Kurz und gut: Martin Wuttke fällt mit seinen Gehilfinnen wie ein Kobold über Goethes Dichtung her, zerrauft und zerpflückt sie, hält sie unter Zigarettenqualm und Drogenrausch, brav bürgerlichen Gesetzen welcher Art auch immer zum Trotz. Schwarzgekleidet, mit blonder Perücke tobt Wuttke durch den Text und hat seine Freude dran. Selbstverständlich spielt er sie alle, Faust, Mephisto, Wagner oder Frau Marthe, turnt neben und auf der Tafel, senkt die Stimme, lässt sie hochschnellen, hat hellen Spaß an allem, was der Goethe da hingeschrieben und sich ausgedacht hat. Aus dem Text-Teig pickt er sich die Schokoladenstückchen heraus, schmeckt sie ab, mit herausgerollter Zunge, genießt sie – welch ein unverschämt genialischer Zauber! Und zu wohligen Schluchzern mancher Zuschauerinnen holt er dann gar den Pudel „Taxi“ aus der Abstellkammer, ein pechschwarzes Prachtexemplar seiner Gattung, gelehrig, aber nicht immer folgsam. Auf dem Tisch darf er paradieren und Pillenfutter schmausen. Solch Kunststücke mochte der Weimarer Geheimrat allerdings nicht, denn ein Pudel spielt keinen Pudel, sondern ist ein Pudel und damit jedem Schauspieler überlegen.

Auch Martin Wuttke? Um Spaß allein geht es dem Schauspieler natürlich nicht. Er sieht die große Dichtung mit heiterem Aug, zwingt sie in eine chorische Struktur (Einar Schleef und Heiner Müller stehen Pate), macht sie griffig und überraschend anders. Fort mit Gelehrsamkeit, nicht aber mit kluger Dramaturgie und ausgeklügelter Raumaufteilung (Bühne Marc Bausbock). Wuttkes Monologe, vielen Faust-Figuren entliehen, fliegen wie Bälle zum Chor (Leitung Christine Groß) hin und wieder zurück. Die GretchenFrauen singen, servieren, spielen, verstecken, verwandeln und verkleiden sich und meistern die Kerkerszene mit Schlichtheit und Strenge – im Foyer herrscht Totenstille. Da sitzt Wuttke-Faust, der Unruhige, Umgetriebene, nur noch stumm an der Stirnseite der Tafel. Oder gibt es den Gelehrten gar nicht, haben ihn die Mädchen nur erfunden?

Len, der Held aus Edward Bonds 1965 in London zum ersten Mal aufgeführtem Stück „Gerettet“, ist gewiss kein Faust. Aber immerhin ein fast Erwachsener, der die elenden Lebensumstände in den Londoner Arbeiterbezirken nicht akzeptieren will. Hass, Armut, Langeweile, Gewaltbereitschaft beobachtet er wie von fern, und steht doch mittendrin. Thomas Schulte-Michels hat diesen frühen Bond einen Tag nach Wuttkes Faust auf der Probebühne des Berliner Ensembles herausgebracht – es ist ein Absturz in die Beliebigkeit. Alle Härte, die in den 13 Szenen durchaus zu finden wäre, ist geglättet und beschönigt. Schulte-Michels bringt die außer Rand und Band geratene Jugendbande um den missionarischen Helden als eine Ansammlung skurriler Typen auf die Bühne. Die sind ein bisschen verrückt, kaum böse, eher frech und lustig. Quer durch die Probebühne hat Schulte-Michels eine Art Hochbeet aufbauen lassen, von Gartenbänken umstanden. Da findet alles statt – es findet zu wenig statt. Dass die Figuren Schwierigkeiten haben, miteinander zu reden, wird durch große Entfernungen auffällig gemacht, sonst gibt es Bewegung um der Bewegung willen, Kommen und Gehen, Herauf und Herunter, kaum einmal eine heftige Auseinandersetzung. Der Len des Thomas Niehaus bleibt beiläufig, die Pam der Franziska Junge pubertär. Wie ein Märchen aus ferner Zeit mutet die Aufführung an, und nicht einmal wie ein grausames – auch die Szene mit der Steinigung eines Babys im Kinderwagen, vor Jahrzehnten Grund zu heftiger Aufregung, wirkt auf dem Hochbeet nur noch dümmlich – und hat allen Schrecken verloren.

Nächste Aufführungen: „Gretchens Faust“ am 13. April, „Gerettet“ am 2. April.

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