Berliner Ensemble : "Dona Rosita": Durch die Blume

Hiermit ist Claus Peymann wohl auf der Höhe seiner Intendantenwirkung angekommen. Man geht ins Berliner Ensemble und besucht eine Inszenierung von Thomas Langhoff – aber man sieht einen Abend wie von Peymann. Gespenstisch!

Andreas Schäfer

Hiermit ist Claus Peymann wohl auf der Höhe seiner Intendantenwirkung angekommen. Man geht ins Berliner Ensemble und besucht eine Inszenierung von Thomas Langhoff – aber man sieht einen Abend wie von Peymann. Gespenstisch! Die Angleichung zwischen dem Gastregisseur, der früher mal Intendant des Deutschen Theaters war, und dem Gastgeber beginnt schon bei der Stückwahl. Peymann liebt Stücke, in denen es um wahre Gefühle (alles von Handke), die Wucht des emotionalen Überwältigtseins („Frühlings Erwachen“) oder die rührende Rigorosität geht, mit der ein Gefühl gegen die Anfeindungen der Umwelt verteidigt wird („Das Käthchen von Heilbronn“).

Ein Stück, das von einer eigenwilligen Gefühlsfixierung handelt, ist wohl auch Federico Garcia Lorcas „Dona Rosita oder Die Sprache der Blumen“. Rosita, mit Onkel und Tante im schönen Granada lebend, liebt ihren Verlobten inniglich. Der Verlobte muss aber – wie im Märchen – plötzlich weg und ward nicht mehr gesehen, während Rosita hofft und sehnt und mit zitternden Händen Vertröstungsbriefe liest, also 25 Jahre wie ein störrischer Esel nicht von ihrem Liebesobjekt lässt. Bis sie verwelkt ist wie eine der Rosen, die ihr Onkel so liebvoll züchtet.

Statt eines glaubwürdigen Konflikts bietet Lorca – neben der schmachtenden Schönheit – viele weitere Frauentypen. Da gibt es die traurig ins Taschentuch schnuffelnde Tante, die herzhaft bodenständige Haushälterin mit dem losen Mundwerk, den boshaft überheblichen Backfisch und einen Chor vertrockneter Jungfern, alle von Lorca schön gezeichnet wie die Ornamente in der über allem thronenden Alhambra. Doch trotz all der Lorca-Poesie: Eine Frau, die eine Ewigkeit auf einen Mann wartet? Wer solch eine Geschichte heute auf die Bühne bringt, braucht schon eine besondere Idee. Langhoffs Idee: Er verwandelt sich einfach in Peymann. Die gleiche Betulichkeit, die gleichen ausgestellte Theatergroßgesten, der gleiche milde Altherrenhumor.

Auch bei Langhoff senkt sich nach wenigen Minuten zwischen Akteuren und Zuschauern wie sonst bei Peymann eine gefühlte Glaswand, die das Geschehen in eine putzige Püppchenwelt entfernt. Nur in einem Punkt ist Langhoff eine Windung reflektierter – er verkauft die Betulichkeit als dramaturgisches Kalkül, lässt das Stück in einem tatsächlichen Puppenhaus spielen und die Schauspieler in fürchterlichen bonbonfarbenen Barbiekleidern ihre Schritte machen. Ein Stück von gestern im gestrigen Theatergewand? Ob reflektiert oder nicht, für den Zuschauer ist der Effekt freilich der gleiche. Nachdem der Ärger über den Kitsch der Bühnen- und Kostümbildnerin Maria-Elena Amos verflogen ist, versinkt er in bleierner Gleichgültigkeit, woran weder die ohnsorghaften Wortgeplänkel zwischen Tante (Jutta Wachowiak) und Haushälterin (mit staubtrockener Lakonie: Carmen-Maja Antoni) noch die tatterigen Blumenmonologe des Onkels (Jürgen Holtz) und schon gar nicht die musicalhaften Tanz- und Gesangseinlagen der Jungfern etwas ändern.

Die großartige Ursina Lardi wirkt in diesem Klischeegeschunkel nicht wie eine Rose, sondern wie eine stachelige Distel vom anderen Stern. Sie ist als Rosita alles andere als ein liebliches, sich vor Liebe verzehrendes junges Ding, sondern eine geheimnisvolle Frau von spröder Entrücktheit. Das ist gut – aber nur zur Hälfte. Denn ihre Abwesenheit, ihr innerer Blick ist auf etwas anderes, Furchtbareres gerichtet, ihr Leiden (und ihr Wissen) hat mit Größerem zu tun als dem Umstand, dass ihr Verlobter sich aus dem Staub gemacht hat. Es sind wohl die eigenen Dämonen, die sie in Angst und Schrecken versetzen. Mit Lardi kommt Dringlichkeit und zeitgenössische Gebrochenheit auf die Bühne. Das ist gut. Weniger gut ist, dass man die behauptete Märchenliebe zum Cousin zu keiner Sekunde glauben kann.

Obwohl das Stück nicht sehr lang ist, gibt es nach dem zweiten Akt eine Pause. Warum, versteht man, als es weitergeht. „Verlorene Illusionen“ könnte die letzte halbe Stunde überschrieben sein. Plötzlich sitzt man in einem echten Theater, als hätte Langhoff seine Peymann-Maske endlich vom Kopf gerissen (man kriegt wohl doch nicht so gut Luft darunter): Der Onkel ist lange tot, der Verlobte in der Fremde längst mit einer anderen verheiratet, die übrig gebliebenen Frauen hocken auf gepackten Koffern, weil das Geld fürs große Haus nicht mehr reicht. Reden und streiten ein bisschen, ziehen bittere Resümees, empfangen einen Lehrer, der eigentlich Dichter werden wollte und lassen wunderbar langsam und melancholisch die Zeit verstreichen.

Früher hat Thomas Langhoff übrigens gleich Tschechow inszeniert.

Wieder am 1., 7. und 15. März.

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