Kultur : Berliner Ensemble: Fremd in der eigenen Haut

Christoph Funke

Am 25. April 1926 begann der Weg einer jungen Frau in den Ruhm. Moritz Seeler brachte mit seiner "Jungen Bühne" Marieluise Fleißers Stück "Fegefeuer in Ingolstadt" im Deutschen Theater Berlin zur Uraufführung. Eine Dramatikerin machte Furore, aber die Hochbegabte musste ihrem frühen Ruhm zeitlebens Tribut zollen, als Außenseiterin in einer Gesellschaft, die solch überragende Begabung nicht wollte. "Das Leben ist nicht mütterlich", schrieb Fleißer bitter.

Manfred Karge hat sich im Berliner Ensemble des von Brecht nachdrücklich protegierten frühen Stücks jetzt wieder angenommen und macht die Not, die Verzweiflung, die Rebellion heranwachsender Jungen und Mädchen im Ingolstadt der zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts gewissermaßen zum Unterrichtsstoff. Denn die Schauspieler auf der Bühne des Berliner Ensembles sind Studentinnen und Studenten des vierten Studienjahres der Hochschule für Schauspielkunst "Ernst Busch". Selbst noch nicht "fertig" in ihrer künstlerischen Entwicklung, spielen sie junge Leute aus einer Zeit, die in einer heute schwer vorstellbaren dumpfen gesellschaftlichen Umwelt scheitern. Unterdrückte Begierden münden bei diesen Schülern und Schülerinnen in schwülstige Phantasien, ihre Tage und Nächte sind pervertiert durch eine stickige, verkrüppelte Moral. Diesen seltsamen Geschöpfen auf die Spur zu kommen, mit ihrer wie Stoß um Stoß hervorgebrachten Sprache fertig zu werden, gelingt den Studenten mit überzeugender Solidität. Jede Figur, für sich genommen, stimmt, aber die gefundenen Details fügen sich nur zögernd ins Ganze. Zur verstörenden Versinnlichung einer Welt, die für Heranwachsende nur die immerwährende geistige und körperliche Züchtigung bereit hält, kommt es erst im zweiten Teil.

Marieluise Fleißer schildert das Schicksal von besonders Begabten, besonders Empfindsamen, die aus ihrer stickigen, von Kirche und Eltern in Dumpfheit gehaltenen Umwelt um jeden Preis herauswollen. Olga, das schöne schwangere Mädchen, und Roelle, der am Rande des religiösen Wahns lebende Junge, werden zu Außenseitern. Olga und Roelle finden keinen Weg ins Leben und keinen in den Tod. Manfred Karge erzählt diese im Ungelösten endende Geschichte mit Klarheit und Ökonomie. Auf dunkler Bühne (Dieter Klaß), von Maschendrahtwänden bestimmt, gibt es nur wenige Stühle, einen Tisch. In diesem Raum, Metapher für eine alles Individuelle erdrückende Kraft, herrscht gespannte Ruhe. Erst zum Ende gibt es Atemlosigkeit, Fluchten und Verfolgungen, wird das Verstörte offenbar, die Verzweiflung der in die Enge Getriebenen.

Karge lässt den Text im lutherischen Sinne "stehen" (gespielt wird eine behutsame Bearbeitung des BE nach der Fassung des Stücks von 1970/71), er versucht nicht, ihn in welche auch immer geartete "Nähe" zu bringen. Die Studenten sollen zeigen, was sie können, und deshalb lässt der Regisseur gern auch Clownesk-Komödiantisches zu, setzt karnevalistisch empfundene Masken bei Nebenfiguren ein, will das Bedrohliche steigern durch eine finstere Lustigkeit. Stephanie Schönfeld spielt die Olga zunächst mit einem leicht gelangweilten Zug, mit einer störrisch-spöttischen Überlegenheit, die dann zusammenbricht in kreatürlicher Angst und Verstörung. Der Roelle des Jannek Petri ist ein hochaufgeschossener, kahlköpfiger Kerl, der in Träume fällt und aus Träumen hochfährt. Wie da einer verzweifelt darum ringt, aus tiefster Fremdheit in irgendeiner Wirklichkeit anzukommen, ist überzeugend und die beste Leistung des jungen Ensembles.

Veit Schubert als Berotter und Lore Brunner als Mutter des Roelle stehen den Studenten bei - Schubert zieht in einer brillant gespielten stummen Eingangsszene alle komödiantischen Register - und tut dabei des Guten zuviel. Lore Brunner spielt die Mutter nichts verstehend, stur und überzeugt von einer unveränderlich gefügten Welt, die über den Jungen längst zusammengebrochen ist. Begeisterter Beifall, aber auch Protest.

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