Kultur : Berliner Ensemble: Sehr ragend

Kai Müller

Man kann sich leicht vorstellen, wie gerne Wiglaf Droste Popsänger geworden wäre. Einer wie Nick Cave, Van Morrison oder Graham Parker, dessen "The Three Martini Lunch" er mit einer derart verrauchten Säuferseele singt, dass man glauben möchte, auch für ihn gilt: "Three Martini lunch / Things will get better soon / I got a hunch."

Es ist herzzerreißend. Droste steht auf der Bühne des Berliner Ensembles in seiner weißen Kochjacke und umklammert das Mikrofon. Wenn er singt, sind seine Augen geschlossen, nach innen gekehrt. Das scheint unvermeidbar bei Sängern, die tiefere Wahrheiten ergründen. Obwohl es natürlich nicht sein Leben ist, das an Martinis zerbrach.

Wiglaf Droste als Sänger, das ist wie eine später Wiedergutmachung an einem geschändeten Jahrzehnt - den siebziger Jahren. Randy Newmans "Rider In The Rain", "Fire And Rain" von James Taylos oder Dylans "One Too Many Mornings". Droste gurgelt die alten, verregneten Songs noch einmal, die allesamt davon erzählen, wie schwer es ist, sich nicht unterkriegen zu lassen. Er meint das ganz unlächerlich.

Dass ihm, dem gnadenlosen und für seine bissige Polemik bekannten Spötter, soviel Gefühl unterläuft, irritiert natürlich. Aber nur im ersten Moment. Seine Hass-Tiraden, von denen er an diesem Abend einige mit feierlichem Ernst zum Besten gibt, tarnen sich meist eher schlecht. Es sind verkappte Liebeserklärungen: "Weiter als Nick Drake", liest er, "kann man sich von Lebenstüchtigkeit nicht entfernen" - der depressive Sänger nahm sich 1974 das Leben. "Seine Lieder und sein Leben stehen gegen das fettige Gesetz des survival of the fittest, und sie stehen da sehr einsam, sehr würdig und sehr ragend." Und sehr käuflich, wie die "Generation Golf"-Werbung beweist, die Drakes "Pink Moon" jetzt als akustische Untermalung für das neue Cabrio-Modell verwendet. Dass es auch in Drostes Empörung darüber am Ende regnet ("And the movement in your head / sends you out into the rain", ein anderer Drake-Song), bezeugt noch einmal, wie tränenreich das Dasein sein kann.

Aber es geht auch anders: "Und die Sonne scheint immer im Hotel California / Und wer hier einmal war, der kommt jedes Jahr." Zeilen, die sich Jürgen Drews 1977 zu singen nicht entblödete, als er den Eagles-Klassiker "Hotel California" in eine deutsche Aussteigerhymne umwidmen wollte. Na klar, ein musikalisches Verbrechen. Aber Droste und seine Band, das exzellente Essener "Spardosen-Terzett", lassen das Unding neu erstrahlen. Plötzlich wird die skurrile Gedankenwelt erkennbar, die einen Schlagersänger wie Drews so erfolgreich macht. Das Terzett-Programm "Für immer", das jetzt auch als CD vorliegt, setzt sich überwiegend aus Coverversionen von Songs zusammen, die man danach nicht mehr wiedererkennt. Die meisten sind dadurch nur besser geworden.

Droste hat Freunde mitgebracht (er kommt ja selten allein). Danny Dziuk schwemmt seine traurigen Herrmannplatz-Balladen ins Publikum, das Ekki-Busch-Terzett wirft mit koketten Bemerkungen zur Urlaubsplanung von Familie Wallert um sich. Vincent Klink, Koch und Mitherausgeber der kulinarischen Kampfschrift "Häuptling eigener Herd" (die Droste zufolge "so vierteljährlich wie möglich erscheint"), stolperte mit Querflöte und Gesangbuch durch ein paar Bossa-Nova-Bearbeitungen. Und die Spardosen, drei distinguierte Herren in dunklem Anzug, üben sich im Stil einer Kaffeehaus-Kapelle in listiger Untertreibung. Zum Abschluss singen sie alle "Weinen bis Blut kommt": ein Lied, geboren aus Furcht vor dem eigenen Therapiebedürfnis. Und da blitzt sie wieder auf, die Spottlust der Bohémiens. Wie man in Deutschland Popsänger hätte werden können, ohne Jürgen Drews, Peter Maffay oder Zyniker zu werden? Das ist die Frage.

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