Kultur : Berliner Ensemble: Sein Glas trinkt keiner aus

Rüdiger Schaper

Kantine. Das Herz des Theaters. Es schlägt nicht gesund, es stottert. Es leidet und hüpft. Es ist ein fettes Herz, mit Stauungen. Immer ist es in den Keller gerutscht, in der Volksbühne, am Deutschen Theater, am Berliner Ensemble, wo wir den Anker gesetzt haben. Im alten Theater am Schiffbauerdamm. Wo immer Geisterstunde ist. Die Geister heißen Brecht, Hochhuth oder Müller, die meisten haben keine Namen. Sie sind nur weiß oder grau im Gesicht, oder rot.

Wenn Martin Wuttke herunterkommt, blitzen seine Augen wie zwei Kohlenstücke in der Asche. Wo sind die Schauspielerinnen vom BE? Junge Männer, die das Haus jetzt permanent kommissarisch leiten, erzählen Hitlerwitze und Kinderschänderwitze. Auf der Bühne oben: Eva Braun. Und ein Arturo Ui, der Hitler neu erfunden hat; nicht für die Massen, aber fürs intellektuelle Parkett.

Die Toten, hat Heiner Müller gesagt, sind in der Überzahl. Und das Theater ist ihr Medium. Shakespeares "Hamlet", das Stück, das ihm wohl das wichtigste war, endet in einem planvollen Gemetzel. Jeder Stich mit dem Degen eine Inszenierung, Selbstmord des Regisseurs, und der Rest ist Schweigen. Und prost!

Unten in der Kantine haben wir ihn zum letzten Mal erlebt: Heiner Müller Ende November 1995, nach einer missglückten Premiere von "Philoktet". Vier Wochen vor seinem Tod. Ein letztes Gespräch über Bühnenräume. Jemandem ist vor einem Rundfunkmikrofon das furchtbare Wort herausgerutscht, man stünde am offenen Grab einer unfertigen Inszenierung und könne nicht viel sagen in diesem Moment. Der Theaterchef blieb ruhig. Der unter der schon wächsernen Haut transparente Totenschädel nickte.

Verabredung noch auf einen Whisky, einen letzten, unten in der Kantine. Er hielt das Glas lange in der Hand, und er nahm keinen einzigen Schluck. Andere, Jüngere, Unberühmte versuchen seither, dieses Glas zu leeren, was ihnen niemals gelingen wird. Zur Geisterstunde füllt es sich von selbst wieder auf, Nacht für Nacht. In diesen Zeiten ohne Heiner Müller.

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