Berliner Ensemble : Wenn der Storch kommt

Das Wunder des ersten Blicks: Claus Peymann inszeniert Wedekinds „Frühlings Erwachen“ am Berliner Ensemble.

Andreas Schäfer
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Nackte Tatsachen: Die Leiden des ersten Males gehen uns immer an. -Foto: Joachim Fieguth

Gleich auf den ersten Seiten des monumentalen Programmheftes zu Wedekinds „Frühlings Erwachen“ ruft Claus Peymann Goethe zu Hilfe. Mahnend hebt dieser den Zeigefinger und verkündet: „... denn niemand glaube, die ersten Eindrücke der Jugend überwinden zu können.“ Aus „Wilhelm Meisters Lehrjahren“. Soll heißen: Ob wir vierzehn oder siebzig Jahre alt sind, das Wunder und vor allem die Leiden des ersten Males gehen uns immer an. Erste Liebe, erste Triebe, erster schmerzhafter Zusammenstoß zwischen zartem pubertierenden Ich und bösem Wir der Konvention – all das, so Goethe, also irgendwie auch Peymann, glüht und rumort in uns ewig nach.

Am sogenannten Wunder des ersten Blicks ist Claus Peymann schon lange interessiert – sonst würde er nicht seit vierzig Jahren Peter Handkes Stücke inszenieren. Dass Claus Peymann auch noch immer an den schmerzhaften (aber irgendwie auch lustvollen) Zusammenstoß zwischen zartem Ich (also Peymann) und dem bösen Wir der Konvention (Politiker, Kritiker, andere Theaterintendanten) glaubt, weiß jeder, der Zeitung liest. Peymanns Rolle des ewig Staunenden, des ewig Rebellischen, seine inszenierte, an Thomas Bernhard geschulte Erregung mag auf den Randspalten einer Zeitungsseite von Interesse sein. Schlimm wird es, wenn diese Pose drei lange Stunden auf den Brettern des Berliner Ensembles zu besichtigen ist.

In Wedekinds Kindertragödie aus dem Jahr 1891 wird die noch unaufgeklärte, vierzehnjährige Wendla vom ebenfalls vierzehnjährigen Melchior schwanger, stirbt bei der Abtreibung, während Melchior von seinen Eltern auf die Besserungsanstalt geschickt wird, nachdem sein Freund Moritz sich umgebracht hat, weil er den Leistungsdruck in der Schule nicht aushielt. Dass Lehrer sich hart und steif wie ein Rohrstock aufführen und Mütter ihren vierzehnjährigen Töchtern noch etwas vom Storch erzählen – wilhelminischer Drill und Prüderie sind heute passé, die Nöte des Pubertisten und Wedekinds feine Psychologie noch lange nicht.

Von heute ist hier allerdings nichts und niemand. Unter dem Vorwand, ein zeitenthobenes Märchen zu erzählen, entrückt Peymann die Figuren in die Ferne des Kitsches. Dort wird Jugendlichkeit durch Sturm-und-Drang-Quirligkeit (Sabin Tambrea als Melchior), mädchenhafte Unbedarftheit durch Gekicher, Schnutigkeit durch lolitahaftes Unterschenkelschaukeln (Anna Graenzer als Wendla) und Leiden durch Raufen des Haares (Lukas Rüppel als Moritz) simuliert. Kurz: Peymann ersetzt Dringlichkeit durch hohle Gesten des Inbrünstigen. Der jugendlichen Truppe, vorwiegend Studenten der „Ernst Busch“-Schule, steht das Ensemble des BE für die Darstellung der älteren Generation gegenüber, Eltern und Lehrer, die Peymann – da er vermeintlich auf Seiten der Jugend steht – als lachhafte Karikaturen zeichnet. Während der Lehrerkonferenz, in der die Bestrafung Melchiors beschlossen wird, stehen sie, die Scheitel akkurat geschmiert, im Kreis, gestikulieren zackig, stottern Speichel spuckend und werfen ihr Gesicht in grimmigste Falten.

Als Steigbügelhalter des Verlogenen betätigen sich dabei die Bühnenbildner Achim Freyer und die Kostümbildnerin Wicke Naujoks. Freyer hat einen weißen Kasten von erlesenem Purismus bauen lassen, dessen hintere Wand sich als Reihe von Drehtüren entpuppt, durch die die verwirrten Figuren vor und zurückgeschleudert werden. Gibt es Hoffnung, lässt Freyer die Szene hell ausleuchten, droht Ungemach, wird dunkel gedimmt. Mit ähnlich putziger Eindeutigkeit ist auch Wicke Naujoks vorgegangen. Die Jungen stecken in halblangen Hosen, und auf dem Rücken klemmt ein Lederranzen. Die aufgeweckten Mädchen tragen Kinderkleidchen und graue Röcke; nur die schon früh gefallene Ilse (Laura Tratnik), die den Männern als Zeichenmodell und anderes dient – sie trägt natürlich ein rotes Kleid.

Ein kluger Mensch hat Florian Illies’ „Generation Golf“ mal ein Buch für Nichtleser genannt. Entsprechend kann man Claus Peymanns Theater ein Theater für Nichttheatergänger nennen. Man erfährt nichts, das aber gut ausgeleuchtet. Die Schauspieler dürfen nichts zeigen, das aber bewegungsintensiv, so dass mit gutem Grund gejubelt werden darf. Auch wenn nichts von dem Abend bleiben sollte, das Programmheft im Regal beweist, dass etwas stattgefunden hat.

Wieder am 15., 18., und 27. 12.

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