Kultur : Berliner Festspiele: Das radikalste Blau meines Lebens

Das diesjährige Theatertreffen war das letzte

Torsten Maß, langjähriger stellvertretender Leiter der Berliner Festspiele, zuständig für das Theater.

Das diesjährige Theatertreffen war das letzte, das in Ihrer Verantwortung stattfand. Ein beglückender Abschied?

Für mich persönlich war das nahezu ein Triumph. Denn es wird allgemein als das beste Theatertreffen der letzten 20 Jahre gesehen. Und die Verabschiedung seitens der Künstler war sehr herzlich.

Welche Maßnahmen treffen Sie jetzt?

Bis zum Ende des Jahres bin ich bei den Berliner Festspielen für die internationalen Theatergastspiele verantwortlich, etwa für den "Pfingstrosenpavillon" - eines der bedeutendsten Theaterprojekte, die die Berliner Festspiele in ihren 50 Jahren realisiert haben. Dann kommt Peter Brook mit seinem "Hamlet". So ernte ich die Früchte aus 25 Jahren Arbeit.

Ist das auch künftig die Aufgabe der Festspiele: die "alten Meister" vorzustellen?

Ja, denn die anderen Institutionen haben weder die Kapazitäten noch die Mittel für große Gastspiele. Francesca Spinazzi und ich haben deshalb Regisseure wie Andrzej Wajda, Kantor, Chéreau, Ariane Mnouchkine nach Berlin geholt. Die Ergänzung dazu kann nur sein: die jungen Meister. Das Budget für die Sparte Theater war doch immer sehr schmal.

Das Budget ist nahezu lächerlich, wenn man es vergleicht mit den anderen Festivals in Europa. Außerdem hatte ich die letzten 16 Jahre immer zwei Hüte auf, als Kurator der internationalen Theatergastspiele und als Stellvertreter des Intendanten Ulrich Eckhardt. Wenn also Moritz de Hadeln regelmäßig das Budget der Filmfestspiele überzog - 2001 übrigens mit rund einer Million Mark - konnte dieses Defizit nur aufgefangen werden, indem bei den Theatergastspielen gespart wurde. Ich musste also oft gegen meine Kuratoreninteressen handeln.

"Sternstunden" hieß eine Ihrer Festspiel-Publikationen. Gab es viele Sternstunden?

Ja, das waren die Abenteuer mit unseren Künstlern. Wir mussten zum Beispiel für Ariane Mnouchkine oder Peter Brook neue Spielorte finden, etwa die Marlene-Dietrich-Halle in Babelsberg. Oder bei Mnouchkines Shakespeare-Zyklus die Deutschland-Halle. Zwei Tage vor der Premiere wollte die Mnouchkine plötzlich ein besonderes Blau, ein Pelikan-Blau. In einer Nacht-Aktion hat ein Mitarbeitet in Hannover 200 Liter Tinte besorgt und versprüht - das war das radikalste Blau meines Lebens. Ulrich Eckhardt hat das Programm-Machen einmal als "Lust und Last zugleich" bezeichnet. Was überwog?

Natürlich die Lust. Die Berliner Festwochen haben ja immer Themen-Festivals gemacht - der strenge Rahmen führte stets zu Ergebnissen, die einmalig waren. Und man konnte vieles anschieben, indem man Uraufführungen in Auftrag gab und die Institutionen dieser Stadt miteinander vernetzt. Das ist das Wunderbare an dem Beruf des Kulturvermittlers: Man kann sich in eine Idee verlieben oder in Künstler - und zum Geburtshelfer werden.

Nun sind den Berliner Festspiele klare kulturpolitische Aufgaben gestellt. Empfanden Sie das nicht auch als einschränkend?

Besonders stolz bin ich auf eine extreme Produktion, die ich 1992 im Rahmen der "Jüdischen Lebenswelten" durchgesetzt habe, gegen immense Widerstände: "Arbeit macht frei" vom israelischen Theaterzentrum Akko. Der Druck kam von allen Seiten: vom Außenministerium, von der Jüdischen Gemeinde, auch von Eckhardt. Da habe ich den Festspielen ein Ultimatum gestellt: Wenn Akko nicht kommt, habe ich keine Lust mehr, für diese Firma zu arbeiten. Ganz subversiv habe ich einen Freundeskreis gegründet, und am Ende waren wir siegreich. "Arbeit macht frei", eine Reise von der Wannseekonferenz bis in die Tiefen des israelisch-palästinensischen Konflikts, wurde dann in der Kritikerumfrage von "Theater heute" als Gastspiel des Jahres bezeichnet.

Was bleibt nun von dieser Arbeit?

Mit dem Wechsel in die Bundesverantwortung kristallisieren sich bei den Berliner Festspielen die darstellenden Künste als neuer Schwerpunkt heraus: grand spectacle, grand public, grand théâtre. "Theaterwelten 1" waren der Vorlauf, "Theaterwelten 2" setzen die Arbeit fort. Die Zukunft der Festspiele betrachte ich aber mit großer Sorge, weil das Haus gravierende strukturelle Fehler hat und nicht ausreichend finanziert ist vom neuen Auftraggeber.

Herr Maß, Sie haben jetzt die Agentur "Kultur nach Maß" gegründet. Was verheißt das?

Es ist eigentlich ein Projektbüro. Ich werde nicht die Fronten wechseln und zum Groß-Producer werden. Ich will mir damit nur ein Spielbein sichern, um in aller Ruhe die Angebote zu sichten.

Den "Pfingstrosenpavillon" hat in Teilen schon die Firma "Kultur nach Maß" produziert. Hat Sie das vor neue Herausforderungen gestellt?

Auch vor amüsante. Einmal ist der zum Bühnenbild gehörende Teich halb ausgelaufen - darin schwimmen 200 Koys, kostbare japanische Goldfische. Und es gibt 12 Kanarienvögel - im Vertrag steht: Sie müssen singen. Außerdem musste ich mit den Enten aufpassen. In der Paarungszeit im Frühling stehlen sie den Schauspielern die Schau.

Bleibt das Theater weiter Ihr Elixier?

Oh, ja! Ich reise gern und fühle mich in anderen Städten nirgends so wohl wie im Theater und danach beim Projekteschmieden mit den Künstlern in der Kantine.

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