Kultur : Berliner Festspiele: Ihr Völker der Welt, schaut auf diese Stadt!

Rüdiger Schaper

Berlin und Festspiele - das klingt nach einem Grundwiderspruch. Weil klassische Festspielorte wie Bayreuth und Salzburg eher klein sind, im "Freien" liegen und ohne die kulturelle Aura recht nackt dastünden. Anders in Berlin, wie in vielen Metropolen: Hier laufen die Kulturprogramme rund um die Uhr, von Anfang Januar bis Ende Dezember. Das Besonderere von Festspielen mag da erst einmal nicht recht einleuchten.

Wie so vieles in Berlin, haben auch die Berliner Festspiele ihre besondere Geschichte. Vor fünfzig Jahren gegründet, sollten sie, so der damalige Regierende Bürgermeister Ernst Reuter, zeigen, "dass es keine Aufgeschlossenheit geben kann, wenn nicht den Musen Zoll und Achtung gespendet wird." Später wurde das berühmte Reuter-Wort "Schaut auf diese Stadt" zur kulturellen Parole - und West-Berlin mit seinen Festwochen, dem Theatertreffen, den Filmfestspielen und dem Jazz-Fest zum Schaufenster des Westens. Zur Blütezeit der Berliner Festspiele in den siebziger Jahren gingen hiervon auch entspannungspolitische Impulse aus. Osteuropa - das war immer der wichtigste Schwerpunkt für die unterschiedlichsten Festspielveranstaltungen in Berlin.

Und so soll es auch in Zukunft wieder sein: Joachim Sartorius, der neue Leiter der Berliner Festspiele, der Anfang des Jahres Ulrich Eckhardt abgelöst hat, will die Ost-Orientierung wieder verstärken, in der neuen politischen Großwetterlage. Eine Zeitlang sah es so aus, als gehörten die Berliner Festspiele - die Berlinale ausgenommen - der Vergangenheit an. Doch mit dem Hauptstadtumzug gab es neue Impulse. Der Bund ist inzwischen einziger Träger der Festspiele-GmbH, und es gibt zum ersten Mal in der Geschichte der Berliner Festwochen und Festspiele ein "Berliner Festspielhaus" - die frühere Freie Volksbühne.

Vorhang auf - und viele Fragen offen! In Berlin sind die Festspiele nicht unbedingt das A und O, sondern integraler Bestandteil des Kulturlebens. Festspiele in Berlin sind immer, und das birgt die Gefahr des Nie. Zur Zeit sind sie noch und wieder in einer Phase der Neustrukturierung. Wohin die Reise geht, wird man erst in zwei, drei Jahren wissen. Welche Art Festspiele Berlin braucht. Konzentration oder Repräsentation? Die finanzielle Ausstattung hier ist im Vergleich etwa mit den Wiener Festwochen bescheiden, der Spielraum momentan zu gering. Unbestritten sind und bleiben die Filmfestspiele im Februar und das Theatertreffen im Mai. Die Zukunft der Festwochen im September (die kommenden haben das Thema Schönberg, Schnabel und Beethoven) scheint dagegen unklar.

Berlin und Festspiele: Das könnte ein produktiver Widerspruch sein.

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