• Berliner Festspiele -Intendant Oberender im Interview : „Wir liefern Polaroids der Gegenwart“

Berliner Festspiele -Intendant Oberender im Interview : „Wir liefern Polaroids der Gegenwart“

Neustart mit Tradition: Thomas Oberender, der neue Intendant der Berliner Festspiele, spricht über seine Pläne und das kulturelle Profil der Hauptstadt.

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Kurator und Kapitän. Thomas Oberender im Zuschauerraum des Festspielhauses.
Kurator und Kapitän. Thomas Oberender im Zuschauerraum des Festspielhauses.Foto: Berliner Festspiele/Magdalena Lepka

Herr Oberender, Sie haben früher schon einmal in Berlin gelebt, dann in Bochum, Zürich und Salzburg gearbeitet und sind nun wieder hier: Wie hat sich die Stadt in Ihren Augen verändert?

Viele Leerstellen haben sich gefüllt, Brachen wurden bebaut, man bemerkt die Tätigkeit der Investoren, spürt die Gentrifizierungsströme. Den Prenzlauer Berg, den ich vor fünfzehn Jahren verlassen habe, gibt es nicht mehr, Ähnliches gilt für Neukölln. Und dann gibt es den Windschatten der Stadtentwicklung – Wilmersdorf, also die Gegend um das Festspielhaus, zählt sicher dazu. Aber auch hier klopfen die Investoren an die Türen der Grundbuchämter, um die Spielplätze ums Festspielhaus zu bebauen.

Man sagt, West-Berlin sei wieder im Kommen. Spüren Sie das hier, im Festpielhaus, in der ehemaligen Freien Volksbühne?

Klar. Viele meiner Freunde aus dem Prenzlauer Berg sind hierhergezogen, es ist einfach billiger. René Pollesch macht jetzt in der Fasanenstraße eine Ausstellung und Performance. Unweit vom Kurfürstendamm herrscht eine angenehme Großzügigkeit. Man trifft auf eine gut gemischte Klientel, auch viele Studenten. Die kulturelle Hegemonie des Ostens in den Neunzigern ist einer neuen, internationalen „Mitte“ des neuen Jahrtausends gewichen. Berlin ist näher an Manchester als an München, unser Kiez grenzt an Istanbul und New York, das haben ein Museumsmann wie Udo Kittelmann und Matthias Lilienthal vom HAU geschafft.

Ist das Ihr Traum für die Festspiele – einen Ort neu zu erfinden, ein Programm zu gestalten, das so stark mit der Stadt identifiziert wird wie das HAU?

Die Festspiele waren in Gestalt der „Festwochen“ einmal ein Supertanker, das kulturelle KaDeWe des Kalten Kriegs. Jetzt haben wir es eher mit einem beweglichen Flottenverband zu tun, mit einer Reihe von hoch spezialisierten Festivals, die im Leben der Stadt eine Art Kulturkalender bilden. Deren Zusammenspiel muss weiterentwickelt und neu bestimmt werden. Die Festspiele gibt es seit sechzig Jahren, das HAU erst seit zehn. Aber von der Intelligenz und dem Abenteuergeist dieses Konzepts können wir lernen. Die Superstruktur, die unser Festspielkonzept zwischen bildender Kunst, Musik, Literatur und Perfoming Arts bildet, muss den ästhetischen und gesellschaftlichen Spannungen Ausdruck geben, die Berlin als Stadt, aber eben auch unsere Epoche prägen.

Wie geht das praktisch, bei der Vielzahl Ihrer Angebote?

Was hat eine Ausstellung im Martin-Gropius-Bau mit einem internationalen Konzertprogramm von Winrich Hopp beim Musikfest Berlin zu tun? Zunächst einmal nichts! Aber es sind die Kollegen, die gemeinsam planen und ihre Konzepte entwickeln. Über die gesamte Bandbreite unseres Engagements hinweg betrachtet, entsteht ein Jahresprogramm an Festivals und Einzelveranstaltungen, das im Zusammenspiel sicher einzigartig und wegeweisend ist. Die Berliner Festspiele sind sicher kein hegemonialer, sondern eher ein bescheidener Veranstalter in dieser Stadt voller würdiger und machtvoller Kulturinstitutionen. Ihr breites Spektrum und ihre Qualifikation in Bereichen wie der Neuen Musik, dem Jazz, der Nachwuchsarbeit der Jugendwettbewerbe oder dem internationalen Theater- und Literaturbetrieb ist allerdings relativ konkurrenzlos.

Internationale Künstler in die Stadt zu bringen war allerdings schon immer die Aufgabe der Berliner Festspiele, der West-Berliner Festspiele, wie man sagen muss. Da hatten sie lange ein Monopol. Sie erfanden die Horizonte-Festivals, aus denen dann auch das Haus der Kulturen der Welt hervorging. Was Sie ansprechen, ist im Grunde nicht Neues.

Ja, das Neue – wer liest Ihre Artikel von gestern? Wir schaffen uns ab, um uns neu zu erfinden. Deshalb wurde aus einem Stadttheater wie der Freien Volksbühne das Haus der Berliner Festspiele. Darin liegt ein Hauch von Widerständigkeit gegen den Sog der Geschichte: Wir liefern Polaroids von einem Moment der Geschichte. In ein, zwei Wochen entwickelt ein Programm die Perspektive auf unser Heute und Jetzt, spitzt sie zu, stiftet ein Gespräch über das, was wir sonst nur verdünnt erleben. Dafür braucht es eine Einrichtung wie die Berliner Festspiele. Das Angebot ist geprägt von einer Art Schnittstellenkunst, von Formaten zwischen Theater, Tanztheater, bildender Kunst, politischem Engagement – wir erzeugen eine temporäre Illusion von Übersicht und Zusammenhang.

Was auch das HAU in den vergangenen Jahren systematisch und mit Erfolg in Berlin betrieben hat.

Sicher, das HAU ist ein Festival in Permanenz, es ist, von den Produktionsbedingungen her, Kapitalismus pur – Innovationsagent einer grenzenlosen Liberalisierung von Themen, Formaten und Betrachtungsweisen. Er hat auf beispiellose Art und Weise antizipiert, wie die Verhältnisse, auch die Produktionsverhältnisse von Kunst, sich wandeln und welchen Herausforderungen sich unsere Gesellschaft stellen muss. So kam New York nach Berlin. Hätten Sie sich ein Konzertprogramm zur Neuen Musik unter diesen Bedingungen, ohne Stiftungssegen, hier vorstellen können? Vielleicht. Ein internationales Orchesterfestival, das sich den Erfindungen amerikanischer Künstler im 20. Jahrhundert widmet? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass die Festspiele für solche Interessen eine programmatische Bühne bilden.

Sie beschreiben im Grunde das bewährte Muster der Festspiele. Werden Sie denn auch etwas verändern?

Bewährt sind bei den Festspielen in den letzten zehn Jahren vor allem ihre Festivals und einzelne Projekte. Als ganzjährige Festspiele, das ist mein Eindruck, gilt es sie erst noch zu etablieren. Kleine Festivals gibt es in Berlin wie Sand am Meer, größere Zusammenhänge zeigen hingegen nur wenige. Von morgens bis Mitternacht – und das vielleicht zwei oder drei Mal in wenigen Tagen: Das ist meine Festivalidee, dabei entsteht ein neues Erfahrungsgefühl. Das bekomme ich nirgendwo sonst.

Brauchen Sie dafür ein großes Haus?

Ich wünsche mir unser Haus in der Schaperstraße als einen offenen Ort auch zwischen den Festivals, mit Gastronomie, Literaturveranstaltungen, Filmen, Symposien. Es ist unsere Aufgabe, für Berlin einen großartigen, geschichtsträchtigen Theaterort zu erhalten, denken Sie an Piscator, an Kurt Hübner, Grüber, Neuenfels. Wir wollen in den nächsten Jahren dieses Haus als eine Stätte der Debüts und Entdeckungen ins Bewusstsein bringen.

Wenn man wie Sie aus Salzburg kommt, dann passt der abgelatschte Spruch „Arm, aber sexy“ für Berlin. Ihr Vorgänger Joachim Sartorius hat immer wieder auf die vergleichsweise bescheidene finanzielle Ausstattung der Berliner Festspiele aufmerksam gemacht.

Deutschland ist in einer komischen Situation. Überall stehen Länder in Europa vor dem Kollaps, wir haben Wachstum, die Steuereinnahmen steigen. Und dennoch hört man von Politikern immer nur: Seid doch dankbar, dass euch nichts gestrichen wird! Ich kann mit wirtschaftlichen Zwängen umgehen, mit seelischen schwer.

Die Salzburger Festspiele haben ihre Geldmaschine, ihren „Jedermann“, seit 1920. Wäre es nicht eine gute Idee für die Berliner Festspiele, jährlich ein bestimmtes Stück zu bringen, mit wechselnder Besetzung und Regie, vielleicht etwas wie „Die Trilogie des Wiedersehens“ von Botho Strauß, ein zeitgenössisches Drama über den Kunstmarkt, den Basar der Beziehungen und Berlin-Gefühle – oder eine erneuerbare „Dreigroschenoper“?

Hofmannsthals „Jedermann“ wurde übrigens in Berlin uraufgeführt, 1911 im Zirkus Schumann, in der Regie von Max Reinhardt. In Berlin kam das Stück nicht besonders gut an. Aber Sie haben Recht, die Berliner Festspiele brauchen auch das Spektakuläre.

Sie sind doch Dramatiker, Herr Oberender. Reizt Sie nicht der Gedanke, als Intendant ein Festspieltheaterstück zu finden?

Frank Castorfs „Kaufmann von Berlin“ an der Volksbühne hat mich beglückt – das ist eine Form von politischem Theater, von reifem, radikalem Gesellschaftstheater, für das man als Zwanzigjähriger einfach zu blöd ist. Weil man von Namen wie Rathenau und Mehring noch nie etwas gehört hat und diese Infusion von Geschichte und Widersinn Lebensreife braucht, die uns nur wirklich große Geister schenken! Ja! Und große Schauspieler. Die Freie Volksbühne – das war ein solcher Versuch im Westen, ist lange her. Ich denke, dieser Ort ist nicht durch ein neues Weihespiel zu beleben, aber wir werden die Wurzeln ausgraben wie all die Künstler vor uns. Was immer wir dann finden, der Glamour kommt aus diesem Grund.

Das Gespräch führte Rüdiger Schaper.

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