Kultur : Berliner Festspiele: Ist Berlin undankbar, Herr Naumann? (Interview)

Sie stehen nun am Ende ihres zweiten Regierungsjah

Michael Naumann (SPD) ist seit Oktober 1998 Staatsminister für Kultur im Bundeskanzleramt. Gerhard Schröder hatte diesen Posten nach der Bundestagswahl neu geschaffen. Naumann, Jahrgang 1941, arbeitete bei der "Zeit" und beim "Spiegel" und leitete von 1985 bis 1995 die Rowohlt Verlage Reinbek und Berlin. 1996 ging er als Verleger nach New York. Schon als Austauschschüler war er in den USA. Er habilitierte sich 1980 zu dem Thema "Strukturwandel des Heroismus". Heroisch kämpft er für eine Neuordnung der Hauptstadtkultur - und für den Bau des Holocaust-Mahnmals. Unter Naumanns Regie übernimmt der Bund zusätzlich vier Berliner Kultureinrichtungen: das Jüdische Museum, das Haus der Kulturen der Welt, den Martin-Gropius-Bau und die Berliner Festspiele.

Sie stehen nun am Ende ihres zweiten Regierungsjahres: ein erfolgreicher Moment nach der vollbrachten Steuerreform, die Anlass gab, noch einmal über das Verhältnis von Bund und Ländern nachzudenken. Der Bund hat nachgeschenkt. Er hat auch für die Kultur mehr gegeben. Was bedeutet das für das Verhältnis Bund - Land Berlin?

Nur Gutes. Erstens fließen 25 Millionen Mark über Berlin in die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zweitens werden in den Hauptstadt-Kulturetat 20 Millionen Mark zusätzlich eingestellt, die für die Institutionen bestimmt sind, die der Bund zusätzlich übernimmt. Hier besteht Konsolidierungsbedarf, gelinde gesagt. Der Vorbehalt des Bundestages besteht freilich weiter bis zur Verabschiedung des Gesamthaushalts 2001. Auch die Prägung einer Goldmünze werden der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zugute kommen. Dabei ist mit einem Erlös von 30 bis 70 Millionen Mark zu rechnen, der zum Wiederaufbau der Museumsinsel verwendet werden sollen.

In Berlin herrscht dennoch eine merkwürdige Stimmung. Manche Leute fühlen sich übergangen, ja beraubt vom Bund. Wie erklären Sie sich das?

Der Rat für die Künste, auf dessen Anraten ich den Hauptstadtkulturfonds in Höhe von 20 Millionen Mark eingerichtet habe, ist kein Verfassungsorgan, sondern eine Gruppe hochkompetenter Künstler und Kulturmanager. Ich höre ihnen gerne zu, muss aber, wie mein Kollege Stölzl, Entscheidungen in Abstimmung mit Parlament und Kabinett treffen. Die bereits abschwellende Aufregung über die Berufung des Nachfolgers von Herrn Eckhardt und auch von Herrn de Hadeln, wenn Sie darauf anspielen, verstehe ich insofern nicht, als ich mir sehr wohl den Rat der Mitglieder eingeholt habe. Bei diesen Gesprächen ist auch der Name Sartorius gefallen, übrigens keineswegs kontrovers. Auch Herr Mortier wurde erwähnt. Vor diesem Hintergrund bin ich doch etwas erstaunt über die plötzliche Aufforderung, eine öffentliche Diskussion über die Zukunft der Festspiele zu führen, obwohl bereits seit Jahren bekannt ist, dass Herr Eckhardt aufhören wird. Nichts gegen die Diskussion - aber hätte ich mich mit einigen Mitgliedern vom Rat der Künste und zusammen mit Herrn Stölzl für Herrn Mortier entschieden, wäre der Ruf nach einer Debatte vielleicht nicht so laut gewesen, womöglich weil ich dann sehr den persönlichen Wünschen einiger Berater gefolgt wäre.

Gibt Ihnen das nicht zu denken? Denn der Name Mortier stand zur Debatte, und Mortier hat sich doch überrascht gezeigt, dass mit ihm gar nicht erst verhandelt wurde. Er hat sich ja nicht beworben. Und als Intendant der Salzburger Festspiele gehört er in seiner Zunft zur Champions League.

Selbstverständlich haben wir mit Herrn Mortier gesprochen; überrascht war er übrigens überhaupt nicht. Und wie einen Schuhputzer haben wir ihn auf keinen Fall behandelt. Aber wir haben auch mit Kennern der Szene, mit Theaterleuten, Dirigenten und Regisseuren gesprochen und versucht, uns ein Bild über die Kandidaten zu machen. Sie müssen sich nicht vorstellen, dass hier kulturpolitisch-diktatorisch entschieden wurde, nach dem Motto: Dieser oder jener Name gefällt mir nicht. Wir, also Stölzl und ich, haben uns sehr wohl beraten lassen.

Sie wünschen sich weltläufige Festspiele mit internationaler Aufmerksamkeit für Berlin. Was ist Ihre Vorstellung, die sich dabei an Joachim Sartorius festgemacht hat?

Drei Dinge waren wesentlich für mich. Erstens: Die Festspiele, die ursprünglich der kulturelle Anker des Westens in der so genannten Frontstadt Berlin waren, haben sich verändert, auch durch die Leistung von Ulrich Eckhardt. Er war der Erste, der die Festspiele nach Osteuropa geöffnet hat. Zweitens bin ich aber der Meinung, dass diese Öffnung weiter gehen muss, nachdem sich die kulturelle Szene in den ehemaligen kommunistischen Ländern konsolidiert hat. Drittens sollten die ausgeuferten Festspiele verkürzt werden. Festspiele, die sich bis zu vier Wochen hinziehen, können nicht die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit erzielen, die sie aber haben müssten ...

Man müßte die Festspiele dann in Berlin viel schärfer fokussieren als in Salzburg oder Wien? Dort oder auch in Paris dauern Festspiele vier bis sechs Wochen.

Das ist zu lang. Es verläppert sich ein allzu langes Festival übrigens auch in der Berichterstattung. Zweitens, das war mir sehr wichtig, soll die Literatur und die literaturkritische Debatte einen neuen Ort in den Festspielen erhalten. Sartorius hat hier vorzügliche Pläne. Und drittens wird in dieser Stadt sehr viel von moderner Musik geredet, die es vor allem in den Opern geben soll, was aber in der Realität ein wenig anders aussieht. Eine konzentrierte Darstellung der zeitgenössischen Kompositionen inklusive Auftragsarbeiten schien mir einer der wesentlichen Punkte zu sein, für die sich der neue Festspielleiter engagieren sollte. Und auch hierfür war Sartorius der Richtige. Ausserdem hat Sartorius bewiesen, dass er einen großen Apparat harmonisch führen kann. Wesentlich ist auch eine gewisse Haushaltsstrenge. Sowohl die Berlinale als auch die Ausstellung "Sieben Hügel" haben ihre Budgets nicht eingehalten.

Sie sind ja nun bald in einer ähnlichen Lage wie der Berliner Kultursenator, Sie haben eigene Institutionen.

Worauf es ankommt, ist ein verantwortlicher Umgang mit den Budgets.

Aber niemand kann zum Beispiel voraussagen, was das vom Bund verantwortete Holocaust-Mahnmal letztlich kosten wird. Auch die Kosten für den Betrieb des Jüdischen Museums sind nicht genau abschätzbar.

Sie sind abschätzbar. Wir bauen auf den Erfahrungen mit ähnlichen Museen, zum Beispiel dem Deutschen Historischen Museum oder dem Haus der Geschichte in Bonn. Das sind adäquate Vergleichsmaßstäbe. Ich habe aber in unseren Haushalt eine Reserve eingestellt. Im Augenblick rechnet das Jüdische Museum mit einer Gesamtsumme von 18 Millionen Mark für 2001. Das ist sicherlich nicht ausreichend.

Man braucht auch kein Prophet zu sein, um vorauszusagen, dass in ein oder zwei Jahren eine Berliner Oper vor dem Ruin steht. Wird der Bund weitere kulturelle Einrichugen übernehmen, haben Sie noch Appetit?

Die Übernahme von Berliner Institutionen entspringt nicht einem rüden Appetit des Bundes, sondern der Überzeugung aller Fraktionen des Bundestages, dass die kulturpolitischen Zuwendungen des Bundes für die Stadt Berlin nicht im vorgesehenen Umfang bei den entsprechenden Institutionen angekommen ist. Vor diesem Hintergrund entstand der Wunsch, klare Verhältnisse zu schaffen. Darüber hinaus war das, was wir jetzt mit Blick auf den Vertrag von 2001 erreicht haben, sowohl der Wunsch von Frau Thoben als auch von Herrn Stölzl gewesen. Diese Institutionen können ja nicht aus Berlin weggetragen werden.

Hat in der Bundesrepublik inzwischen ein Lernprozess eingesetzt, dass wir eine echte Hauptstadt bekommen haben, kein Provisorium mehr - was auch bestimmte bundesstaatliche Verpflichtungen zur Folge hat?

Publizistisch scheint es darüber keine großen Meinungsverschiedenheiten im Land mehr zu geben. Aber die politischen Ansichten sind regional unterschiedlich. Herr Stoiber zum Beispiel will eigentlich Bundeskanzler werden, aber er kann sich offenbar nicht vorstellen, wo das Kanzleramt liegt. In München liegt es jedenfalls nicht. Berlin ist die Hauptstadt - das ist keine besondere Ehre. Aber es sollte ihr auch nicht zum Nachteil gereichen. Das muss man im Süden des Landes noch einsehen. In Berlin leben mehr Künstler als in anderen Städten, doch ein kultureller Führungsanspruch ergibt sich daraus nicht automatisch.

Heißt das auch, dass im kulturellen Angebot der Hauptstadt mehr Masse als Klasse ist?

Das habe ich nicht gesagt. Aber das Bewusstsein, in der Hauptstadt zu leben, darf nicht dazu führen, dass man sich zurücklehnt.

Wie geht es weiter mit dem Holocaust-Mahnmal?

Bis zum Herbst wird die komplette Architekturskizze und die architektonische Kostenschätzung fertiggestellt werden. Sicherlich könnte sich der Kostenplan während des Baus noch einmal ändern. Mit diesem Risiko muss man bei großen Vorhaben immer rechnen. Aber die Architektur ist hier, anders als bei der "Topographie des Terrors", nicht riskant. Ich hoffe daher auf eine echte Grundsteinlegung im nächsten Jahr.

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