Berliner Festspiele : Schwestern von gestern

Das Festival „RusImport“ im Haus der Berliner Festspiele hat begonnen - mit einem Tschechow-Klassiker.

von
Nach Moskau! Szene aus „Drei Schwestern“, Regie: Pjotr Fomenko. 
Nach Moskau! Szene aus „Drei Schwestern“, Regie: Pjotr Fomenko. Foto: Festspiele

Tschechows „Drei Schwestern“ haben ja schon eine Menge historischer Aufladungsversuche hinter sich. Volker Braun versetzte die antriebsarm in der Provinz festhockenden Generalstöchter, die unablässig vom Aufbruch schwadronieren, Ende der 80er Jahre in den real implodierenden Sozialismus Marke DDR. Später, auf den Theaterbühnen der Neunziger, wurde Olgas, Maschas und Irinas Sehnsucht „nach Moskau“ gern von launigen Szene-Streberinnen adoptiert, die es aus weniger angesagten Landesregionen ins hippe Nachwende-Berlin zog.

Vor diesem Hintergrund wirken „Drei Schwestern“, die ihren Tee aus stilechten Samowaren zapfen und bei jedem Ruf „nach Moskau“ die Rüschenkleider rascheln lassen, fast schon wieder avantgardistisch. So wie in der knapp vierstündigen Inszenierung des Moskauer Fomenko-Studios, die jetzt im Haus der Berliner Festspiele das Festival „RusImport“ eröffnete: Hier hält vom Uniformknopf des Barons Tusenbach bis zum Schulterstück des Batteriekommandeurs Werschinin praktisch jedes Detail dem historischen Authentizitätstest stand.

Kurzum: Pjotr Fomenko – der wohl bedeutendste Schüler der russischen Regielegende Jewgeni Wachtangow – lässt das Tschechow-Personal konsequent vor der antiken Standuhr an sich selbst laborieren. Und dabei wird interessanterweise deutlich subkutaner gelitten als in vielen deutschen Tschechow-Inszenierungen: Stagnation und Depression treten weniger aus lethargischen Verzweiflungsmienen hervor als aus einer Art leichtgängigem Übersprungsaktionismus, der wiederum überraschend gut ins 21. Jahrhundert passt.

Man kennt diesen Effekt vom lettischen Regisseur Alvis Hermanis: Ganz ähnlich wie in dessen „Platonow“-Inszenierung am Wiener Akademietheater, die im Mai beim Theatertreffen gastierte, schält sich dank erstklassigen Schauspiels die Zeitlosigkeit des Textes unter der historisierenden Ausstattungsschicht umso wirkungsvoller hervor. Fomenko unterstützt das, indem er einen Tschechow-Wiedergänger am Bühnenrand platziert: Der Autor selbst versucht quasi abendfüllend, das Geschehen mittels Regieanweisungen („Pause!“) zu steuern und macht dabei die durchaus naheliegende Erfahrung, dass seine Maschas, Irinas, Soljonys und Feraponts längst ein über die Frage nach Jeans oder Rüschenkleidern herzlich erhabenes Eigenleben führen.

Zwölf Tage lang will das Festival „RusImport“ – kuratiert von Andrea Tatjana Wigger und Festspielchef Thomas Oberender – anlässlich des russisch-deutschen Kulturjahres Einblicke in den künstlerischen Status quo geben. Es weckt wirklich berechtigte Hoffnungen, dass man in Aufführungen, prominent besetzten Podiumsdiskussionen, Filmen sowie einer flankierenden Ausstellung im oberen Foyer Differenziertes über die russische Gegenwart erfährt.

Nach den sinnfällig Tradition und Zeitgeist verbindenden „Drei Schwestern“ führt der nächste Beitrag jedenfalls ohne Umwege in die Tagesaktualität: Als „Special guests“ zeigen Dmitri Bykow, Michail Jefremow und Andrej Wassiljew am heutigen Sonntag einmalig „Unser bestes Stück“, eine theatrale Fortsetzung ihres Erfolgsformats „Bürger Poet“. Der für seine bissigen Kolumnen bekannte Schriftsteller Bykow zieht dort in Toga-Laken und Lorbeerkranz gemeinsam mit seinem Schauspielerkollegen Jefremow und dem ehemaligen Chefredakteur des „Kommersant“ Andrej Wassiljew nach allen Regeln der Satirekunst das System Putin durch den Kakao: ein Hit auf Youtube wie in internationalen Konzertsälen.

Eine weitere Position innerhalb des erklärten Theaterschwerpunkts von „RusImport“ ist der Bühnenbildner und Regisseur Dmitri Krymow, in dessen Werkstatt dem Kuratorenduo zufolge „die wohl überraschendsten und eigenwilligsten Theateraufführungen Moskaus“ entstehen. Krymows Gastspiel „Gorki-10“ ist ein zitat- und anspielungsreicher Ritt durch die Geschichte Russlands, der mit einem ausflippenden Lenin beginnt und weder vor Schneehasen noch vor der symbolischen Exekution russischer und amerikanischer Trickfilmfiguren zurückschreckt. Ästhetisch noch weiter geht das aus dem Petersburger Untergrund hervorgegangene Ingenieurtheater AKHE, das mit seinem „Depot für geniale Irrtümer“ die Fehlschlüsse renommierter Wissenschaftler in einer völlig neuartigen Verschmelzungsvariante zwischen Liveperformance und Videotechnik feiert. Nicht nur für Naturwissenschaftler ein viel versprechendes Festivalfinale!

Festival „RusImport“, bis 9. 12. im Haus der Berliner Festspiele, Programm unter www.berlinerfestspiele.de

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben