Kultur : Berliner Festwochen: Die Hauskatzen sind müde

Ulrich Amling

"Großes hast du mir gegeben / in jenen Hochstunden, / die für uns bestehen / im Zeitlosen." So klingt es in Arnold Schönbergs Liedern Opus 1 - und so trifft es die Stimmung eines Häufleins Unerschütterlicher, die nach vier Stunden im Kammermusiksaal jenseits von Raum und Zeit angekommen waren. Hinter die "Hochstunden" gehört allerdings ein kräftiges Fragezeichen. Die "Lange Nacht" der Festwochen hatte sich längst als ein Wandelkonzert entpuppt, bei dem jeder Reißaus nahm, wann immer ihm die Nerven versagten. Dass sie bei vielen Besuchern von Anfang an blank lagen, wurde bei der Uraufführung von Heinz Holligers Partita für Klavier solo greifbar. Eine schmerzliche Ungeduld lag auf den Gesichtern, der Wunsch nach Trost in der Kunst wuchs zur grimmen Forderung heran. Eine verständliche wie schwere Bürde für Holliger. Eigentlich schien seine Idee reizvoll, für den zarten, auch selbstverliebten Ton des Pianisten András Schiff ein groß angelegtes Werk mit Bach-Bezügen zu schreiben. Nur leider zeigte sich das Ergebnis weit von dem entfernt, was man an Holliger sonst schätzt. Sein zart versponnener Tonfall, die fein ausgeleuchteten Eigenwelten seiner Hölderlin gewidmeten Werke verschwammen zu flächigen Klangschichtungen von morschem Charme. Zuwenig Bindungskräfte walteten in der Fuga, die sich fliehend im Raum verlor. Bei den "Sphynxen" getauften Intermezzi streifte sich Schiff einen schwarzen Lederhandschuh über und wischte damit über die Saiten seines Instruments: Eine in ihrem manieriertem Gestus fast schon komische Reverenz an die Avantgardisten der sechziger Jahre. Zum Lächeln bringt das Holligers "Sphynxen" jedoch nicht, sie bleiben musikalische Hauskatzen - mit aristokratischem Stammbaum, aber entsetzlich müde. Der Großteil des Publikums suchte vor der angekündigten Wiederholung das Weite.

Einige kehrten zu dem Bläsern des Chamber Orchestra of Europe zurück und erlebten eine traumhaft ausmusizierte "Gran Partita" von Mozart. Eine kleine Herbstmusik für alle, in deren Herzen jäh der Winter gefahren ist. Ein derartiges Solistenglück war Hanno Müller-Brachmann nicht vergönnt. Der Bass-Bariton blieb bei frühen Liedern von Schönberg und Wunderhorn-Vertonungen Mahlers mit seiner wunderschönen Stimme in einem ältlichen Habitus hängen und verlor das intime Rund des Saals völlig aus dem Blick. Die Zuhörerschaft bröckelte nach jedem Lied. Letzte Auflösungserscheinungen eines schrägen Abends, den so niemand verdient hatte.

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