Kultur : Berliner Festwochen: Tagebuch: Sofia Gubaidulinas Johannes-Passion in der Philharmonie

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Dass Passionen, Messen und Motetten nicht mehr nur in Gotteshäusern erklingen, daran hat sich der moderne Konzert- und/oder Kirchgänger nur zu gut gewöhnt. Als wäre sie durch ein säkulares Nadelöhr hindurch geschlüpft, dient die geistliche Musik längst auch anderen, explizit nicht-religiösen Zwecken. An Heinrich Schützens "Musikalischen Exequien" etwa lässt sich studieren, wie sich das Bibelwort jenseits aller überkommenen Affekte seine eigenen klingenden Diskurse schafft; die von Felix Mendelssohn initiierte Bach-Renaissance im 19. Jahrhundert brachte erstes Licht in die historische Aufführungspraxis; und Britten oder Eisler schließlich fragten, was Glaube heißt - Gottesglaube wie Glaube an die Kunst - in Zeiten des Schreckens.

Die Antwort darauf steht naturgemäß noch aus. Und auch das höchst ehrgeizige Projekt der Stuttgarter Bachakademie und ihres Leiters Hellmuth Rilling, das Bachjahr 2000 mit vier Kompositionsaufträgen zu begehen, maßt sich gewiss keine Schlussstriche an (zu Wolfgang Rihms "DEUS PASSUS" vgl. Tagesspiegel vom 31. August). Etwas mehr Bewusstheit, etwas mehr zeitgenössisch ästhetische Reflexion und entsprechend weniger sprichwörtliches Zu-Kreuze-Kriechen hätte man Sofia Gubaidulinas Johannes-Passion, die unmittelbar nach ihrer Stuttgarter Uraufführung nun bei den Festwochen Station machte, denn doch gewünscht. Diese Musik, die trotz ihres mächtigen Apparates aus vier Solisten (Natalia Korneva, Viktor Lutsiuk, Fedor Mojaev, Gennady Bezzubenkov), zwei Chören und Symphonieorchester keinerlei Anstalten machte, sich sonderlich avantgardistisch oder raffiniert oder komplex zu gebärden (was man ihr noch als fehlende Eitelkeit auslegen könnte), sie funktioniert allein aus ihrer Religiosität heraus. Komponieren als traditioneller Glaubensakt?

Wer indes Gubaidulinas Überzeugung nicht teilen kann oder will, wer sich aus der Konfrontation von Evangelien- mit Apokalypse-Texten einen Griff in die Eingeweide orthodoxer Exegese versprochen hatte, dem wurden die rund 100 Minuten in der Philharmonie doch arg lang und sauer: psalmodisches Raunen hier, ellenbogenbreite Orgelcluster da, Chöre wie aus "Boris Godunow" (nur nicht ganz so romantisch, ganz so üppig), Glockenspiele, klingelingeling, sobald die Rede, was selten genug ist, auf "Hoffnung" oder "Himmel" kommt, ein uneigentlich schabendes Irrlichtern der Instrumente, um die elf Stationen dieses kompositorischen Kreuzweges als voneinander abgetrennte zu kennzeichnen, trockene Trommelschläge, wo immer es ums Jüngste Gericht geht oder um die "Sieben Schalen des Zorns". Aus diesem kärglichen Klanggesten-Repertoire vermochten selbst Valery Gergievs emphatisch wedelnde Hände kaum Funken zu schlagen. Eher Dienst nach Vorschrift beim Orchester des St. Petersburger Mariinsky Theaters als echte Inspiration.

Einzig der "Gang nach Golgatha" wußte an diesem Abend in Erstaunen zu versetzen. Kreuzförmige Überlagerungen, "Christus"-Rufe wie aus einer akkurat aufgebrachten Volksmenge - und die Faust in unserem Magen begann sich zaghaft zu lösen. Le.

Klar, Kultur stärkt den Geist. Aber wer stärkt den im Festwochen-Einsatz krummgesessenen Körper? Wer steht ihm bei in "Langen Nächten"? Vielleicht das Café im Kammermusiksaal der Philharmonie. Auf der Empore haben es Tische und Stühle irgendwie geschafft, sich an den wachsamen Berliner Denkmalschützern vorbei zu mogeln. Das sind Herren, die nie Hunger und Durst haben. Jetzt bieten sich die Sitzgruppen zum Verweilen an, sogar auf der Terrasse mit Blick auf das blau-violette Farbspiel der Sony-Kuppel. Verströmen die einladende Atmosphäre von Eisdielen im Herbst - und bleiben leer. Vielleicht, weil Pausengänger einen interessanteren Einblick in den Konzertbetrieb erspäht haben: von der Terrasse direkt in die Künstlergarderoben. Da steht die Pianistin im Unterhemd. Jetzt vielleicht doch einen Rotwein im Café?

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