Kultur : Berliner Festwochen: Tagebuch: St. Matthäuskirche und Philharmonie

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Wider eigenes Erwarten hat Ernst Krenek es geschafft, mit seinem esoterischen Chorwerk "Lamentatio Jeremiae Prophetae" Erfolg "in dieser Welt" zu erzielen. Als er sein Opus 93 in der amerikanischen Emigration 1941 einsam verfasste, glaubte er nicht an eine Darstellung, sondern eher, dass es zweckfrei geschrieben werde. Nach der Kasseler Pionieraufführung 1958 unter Marinus Voorberg ist es ins Repertoire hochqualifizierter Chöre geglitten. Was für eine Stilwandlung nach "Jonny spielt auf", dem Hit der Zwanziger! "Krenek entschließt sich, hinfort die Zwölftontechnik anzuwenden", heißt es lakonisch in einem Resümee seines kurvenreichen Komponierens.

In der rappelvollen St. Matthäuskirche am Kulturforum demonstriert der RIAS-Kammerchor unter der flexiblen Leitung von Marcus Creed, was ein "Jahrhundertklang" ohnegleichen ist. Nämlich eine Summe und ein Persönlichkeitsstil. Politisch wie unpolitisch in jener dunklen Zeit, bilden die Klagelieder des Jeremias den Text der "Lamentatio", Elegien über den Untergang des Staates Juda und der Stadt Jerusalem, wie sie als Lektionen des klösterlichen Stundengebets an den drei letzten Tagen der Karwoche vorgetragen werden. Für die rhythmische Gestaltung - Taktstriche werden vermieden - macht sich der Komponist die niederländische Polyphonie zum Anwalt. A-cappella-Ideal und Dodekaphonie, tonale Stellen mit Dissonanzeffekten von sprachkräftiger Wirkung, syllabische Predigt und charakteristisch abfallendes Melos ("in deserto" - in der Wüste), alle Arten von Kanons: Jerusalem weint und wird neun Mal angerufen, sich zu Gott, seinem Herrn, zu bekehren.

Stellt die Kompliziertheit der Partitur heute für ein Ensemble wie den RIAS-Kammerchor kein Problem mehr dar, so tritt in der Interpretation eine Eigenschaft besonders hervor: Kreneks Ausdruckskraft. Der Musiker spricht die expressionistische Sprache, der er auch als Dichter - etwa des Librettos seiner Oper "Karl V." - treu ist. Aufschrei und Gebet: Das sind die gesungenen Inhalte, die das Publikum dieses Nachmittags nicht verfehlen. Ein Meisterkonzert. Beharrlicher Beifall. S. M.

Doch, Wiedersehen macht manchmal Freude. Krzysztof Penderecki, häufiger Gast der Berliner Festwochen, wurde in der Philharmonie mit warmem Beifall begrüßt. Am Pult des MDR-Sinfonieorchesters tauchte der polnische Komponist tief in Geschichte seines Schaffens ein und gelangte mit der Lukas-Passion an die Basis seines ersten Lebens. Damals war Herr Penderecki ein der Avantgarde verpflichteter Tonsetzer. 35 Jahre sind nun seit der Uraufführung der Passion vergangen, und der Komponist ist wie sein Kollege Henryk Górecki ins Lager der Neoromantiker hinüber gewechselt.

Das bleibt nicht ohne Folgen für die Interpretation. Der expressive Charakter, der bis ans Chaos reichende Urgrund der Lukas-Passion wirkt seltsam gedämpft. Der Dirigent Penderecki scheut die überaus weltlichen Schrecken, die der Komponist Penderecki 1965 in kühne Klänge gefasst hatte - und die noch heute Maßstab für moderne Passionsvertonungen sind. Bei ihm findet sich bereits das Material, welches die jüngst uraufgeführte Johannes-Passion Sofia Gubaidulinas prägt, die auch auf den Festwochen zu hören war: gespenstische Cluster, zersplitterte Chöre, archiaisches Schlagwerk. Ein Vergleich der beiden Werke - endlich die Möglichkeit einer Gegenüberstellung im Festwochen-Nebeneinander! - fällt klar zu Gunsten Pendereckis aus: Seine Erfindungen wirken noch immer weitgehend unverbraucht, das Wechselspiel zwischen liturgischer Strenge und formsprengender Dramatik ist feingliedrig ausbalanciert. Davon kann Gubaidulinas schwerfällige Religionskunst nur träumen. Aber eine packendere Aufführung hätte man sich doch gewünscht, mit härter akzentuierten Chören, einem pointierteren Vortrag des Evangelisten und exakteren Solisten. Penderecki hatte es in der Hand.

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