• Berliner Festwochen: Vom heiligen Feuer - Das Ensemble Oriol mit Claudia Barainsky im Kammermusiksaal

Kultur : Berliner Festwochen: Vom heiligen Feuer - Das Ensemble Oriol mit Claudia Barainsky im Kammermusiksaal

Sybill Mahlke

Stefan George, der Dichter als "Seher", hat Arnold Schönberg den hohen Stil seiner hymnischen Formen nahegebracht, als der Komponist selbst zu fühlen begann: "Unsere Zeit sucht wieder ihren Gott." In den letzten Satz seines Streichquartetts fis-Moll fügt er das George-Gedicht "Entrückung" ein, als sei es ein Kommentar zu seiner Musik: "Ich fühle Luft von anderem Planeten." Eine erste Vorausahnung der späteren Reihentechnik weht in den fragilen Linien der Instrumente, obwohl das Stück tonal, in Fis-Dur, schließt.

Eine "Aufgelöstheit" (Anton Webern) sucht ihren Weg. Er führt zu dem Torso der "Jakobsleiter", die Kent Naganos Aufführung mit dem Deutschen Symphonie-Orchester und dem Rundfunkchor Berlin dieser Tage in ihrer überragenden Bedeutung erschlossen hat: ein Meilenstein, ein Fragment aus der Epoche der großen Fragmente, an dem auffällt, dass es bei aller absurden Unbeholfenheit zumal des von Schönberg selbst erstellten Textes nicht das Moment des Scheiterns in sich trägt. Inhaltliche und kompositorische Gründe dürften dafür einzustehen haben, dass die Komposition, deren Text schon 1917 bei der Wiener UE vollständig im Druck erschien, Fragment geblieben ist, nicht gänzlich komponierbar.

Vollendet dagegen ist die Komposition des Quartetts, dem kein biblischer Traum, sondern die Aussage eines (bedenklichen?) Irrationalismus in Gestalt der Georgeschen Lyrik zu Hilfe kommt, gleichsam als Verheißung einer höheren Form des Menschseins. Das Ensemble Oriol hat sich für die Streichorchesterfassung von Hand des Komponisten entschieden, und durch die Traumlandschaft, "die nur umfängt auf fernsten Bergesschlüpfen", geleitet den Hörer traumhafter Gesang: Claudia Barainsky, Schülerin Aribert Reimanns und zugleich Protagonistin seiner Opern, fasziniert mit Schönberg und vertonten Zeilen wie diesen: "Ich bin ein Funke nur vom heiligen Feuer / Ich bin ein Dröhnen nur der heiligen Stimme."

Das "Schönberg &"-Konvolut, wie es dem Ratschluss dieser Festwochen gehorcht, enthält ein bisschen viel "&". So bildet aufgrund des Überangebots nur noch ein schütteres Grüppchen Unentwegter das Publikum dieses dritten Konzerts der engagierten Oriol-Musiker im Kammermusiksaal. Ihrer Lust am Erweitern der Möglichkeiten ist Beethovens "Eilftes Quartett für zwey Violinen, Bratsche und Violoncelle" Opus 95 anheimgefallen: Die Streichorchesterfassung gibt eine erhöhte Subjektivität gleichwertiger Stimmen dem chorischen Element preis, das bei leichtem Flunkern der Geigen die Spannung der Musik mindert. Ihr heißer Atem, ihre Individualität weichen ästhetischer Genügsamkeit.

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