Kultur : Berliner Festwochen: Wegmarken in die Einsamkeit

Jörg Königsdorf

Das Altern eines Künstlers ist im glücklichen Fall nichts anderes als ein über Jahrzehnte angelegter Erkenntnisprozess. Eine Besinnung auf das Eigene, am Herzen Liegende angesichts der Notwendigkeit, mit der verbliebenen Kraft haushalten zu müssen. Alfred Brendel, in diesem Jahr 70 geworden, spielt längst nur noch dieses Eigene: Musik seines Wiener Gesichtskreises, der heiligen Viereinigkeit Haydn, Mozart, Beethoven und Schubert, längst ist er abgetaucht in einen intimen Dialog mit dem Werk, bei dem jeder Podiumsauftritt zum Für-sich-selbst-Spielen wird. Auch seine beiden Auftritte in der Philharmonie im Rahmen der Festwochen sind solche Wegmarken in die Einsamkeit, verstörend, deprimierend - und menschlich.

Symptomatisch, dass am Sonntagabend gerade das enigmatisch versonnene vierte Beethoven-Klavierkonzert auf dem Programm steht - das Werk mit den meisten Rückzugsmöglichkeiten, das dem Pianisten am ehesten die Verweigerung der extrovertierten konzertanten Geste erlaubt. Ein Stück, bei dem es Brendel offenbar gerade ums Resignative geht, bei dem der kurze Soloeinstieg als zaghafter Versuch erscheint, eine Geschichte zu beginnen. Eines, bei dem der Solist nur in der ungelenk poltrig anhebenden Kadenz (Brendel wählt die frühe, nicht die gängige, nachkomponierte) einen verzweifelten Versuch unternimmt, sich aus seiner Lähmung zu befreien - gerade die Aufführungen des vierten Konzerts, berichten Zeitgenossen, waren es ja, die Beethoven erkennen ließen, dass er zu öffentlichen Auftritten nicht mehr in der Lage war. Die herkömmliche Konzertdramaturgie des Werks opfert Brendel dabei bewusst, hält das rezitativische Pathos des Mittelsatzes ebenso auf Sparflamme wie die spielerische Gelöstheit des Finales (die von den Wiener Philharmonikern unter Rattle allerdings auch mit recht mürbem Ton angegangen wird).

Die Konzertform wird zur Chiffre für das Alleinsein unter vielen, das Ergebnis ist zwangsläufig deprimierend. Und der am Dienstag nachgelieferte Soloabend das notwendige Komplement, bei dem sich die Künstlerseele ohne orchestrales Dreinfahren und konzertanten Gruppenzwang entfalten kann. Sie tut es merkwürdig zagend in Haydns g-moll-Sonate: Der ganz unmittelbar sprechende, selbst bei kleinsten Wendungen die Aufmerksamkeit fokussierende Ton Brendels ist immer noch da, doch die Bewegungsimpulse unter dem feinen Moll-Flor wirken reduziert. Jedes Motiv erhält Aufmerksamkeit, jede Melodie wird auf ihre Syntax hin untersucht und durch Zäsuren portioniert. Auch das ein Für-sich-Spielen, ein Durchschreiten der Werke, das an einen Spaziergänger erinnert, dem auf einem altvertrauten Weg einzelne Veränderungen besonders ins Auge fallen - das abschließende Allegretto der Haydn-Sonate wird da zu einem Im-Kreise-Gehen, bei dem nur kurz einmal ein jenseitiger Erlösungsschimmer im Diskant aufblinkt.

Die gleiche lastende Erdenschwere passt freilich nicht recht auf Mozarts a-moll-Sonate: Schon die hämmernde Achtelbewegung des Kopfsatzes will nicht mehr vorantreiben, Brendels kurzes Zögern nach der ersten Viertelnote des Hauptthemas setzt schon gleich zu Beginn die Zeichen auf Ermattung statt auf Kampf. Das Endspiel eines, der schon längst aufgegeben hat und der sich den großen Linien, die etwa der langsame Mozart-Satz bitter notwendig gehabt hätte, verweigert. Zum Für-Sich-Spielen werden selbst die als Konzerthöhepunkt gedachten Beethovenschen Diabelli-Variationen: nämlich als Selbstbeweis, den virtuosen Anforderungen noch gerecht werden zu können. Mit ernüchterndem Resultat: Die Befangenheit im Technischen steht der künstlerischen Belebung über weite Strecken im Weg, lediglich in den Ruhepunkten der langsamen Variationen findet Brendel zu sich selbst, lässt Klänge faszinierend ineinander laufen. Manchmal heißt Altern vielleicht auch das: loslassen können.

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