Kultur : Berliner Finanzkrise: Eine Frage der Ehe. Christoph Stölzl im Interview

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Herr Stölzl, haben Sie in diesen Tagen überhaupt mal eine Sitzungspause?

Es ist wie Marathon, Politik wie im Film - überwiegend Männer mit Zigarren und Zigarillos, dunstumwölkt viele Stunden zusammensitzend und um Lösungen ringend.

Sie haben heute mit Staatsminister Julian Nida-Rümelin noch einmal über den Hauptstadt-Kultuvertrag verhandelt. Ist das nicht alles Makulatur angesichts der neuen Berliner Haushaltssituation?

Es bleibt alles, wie es ist. Die Forderungen des Bundes hinsichtlich der Immobilienübertragungen sind vom Tisch.

Aber die Geschäftsgrundlage hat sich verändert. Berlin droht eine Pleite.

Zum Thema Online Spezial:
Finanzkrise in Berlin
Ted:
Sind Neuwahlen fällig? Für den Bund ergibt sich auf Grund unserer Haushaltslage derzeit offenbar keine neue Verhandlungsposition. Trotzdem. Ich habe immer gesagt, wie ein Muezzin seit Jahren, das Verhältnis des Landes zu seiner Hauptstadt als Sinnbild der Kultur in Deutschland ist unbefriedigend gelöst in der Eile der Wiedervereinigung. Von mir aus gesehen ist jeder Tag ein neuer Verhandlungstag und ein neuer Tag, um auf die öffentliche Meinung einzuwirken. Wenn ich überall diese Häme höre - diese Berliner leben in Saus und Braus, und das geschieht ihnen jetzt Recht, was da passiert - , dann ist zwar jede Anregung zur Selbstkritik erwünscht. Aber etwas ist völlig ungerecht: Man muss immer die von Berlin übernommenen Lasten, die vor 1989 aufgelaufen sind, mitbedenken. Es ist wie mit Hongkong und den Chinesen: Die "ungleichen Verträge" von 1990 müssen im Lichte von heute wieder geprüft werden.

"Übernommene Lasten"? Die akute Misere hat mehr mit selbstverschuldeten Belastungen zu tun, deren Ausmaß niemand kennt.

Die Bankgesellschaft ist auch ein Unternehmen des Landes Berlin. Und der Unternehmer in jeder anderen Branche handelt ganz einfach: Schlechte Manager werden gekündigt, und wenn Kapital nachgeschossen wird, tut man es nicht, ohne hoffenlich sicher zu sein, dass demnächst das Unternehmen flott wird und das eingeschossene Kapital sich rentiert.

Es ist eine Frage der politischen Verantwortlicheit. Der Imageschaden Berlins durch die Bankaffäre ist schon jetzt enorm.

Für die Firma waren in den letzten zehn Jahren vielen Menschen verantwortlich, auch bedeutende Sozialdemokraten. Diese Firmengeschichte muss man aufarbeiten, und wer da Mist gebaut hat, egal wer, soll sich persönlich erklären. Sie haben Recht mit dem Imageschaden. Aber das bedeutet, dass die Bereiche, in denen Berlin besonders tüchtig ist und tolle Sachen macht, bei der Schieflage der Stadt unbedingt weiter gefördert werden müssen. Da jetzt zu sparen, hielte ich für eine unternehmerische Dummheit.

Der Kultursenator sagt: Egal, was auf die Stadt zukommt, die Kultur darf nicht leiden?

Wir waren bisher schon unterfinanziert, das ist jetzt nur eine Schraube mehr. Wir bemühen uns ohnehin, mit weniger oder stagnierenden Mitteln Leistungen zu bringen. Bisher ist keine Forderung nach Schließung an uns herangetragen worden. Aber es wird einen Konflikt in der öffentlichen Meinung geben: Was ist gut für Berlin? Also die sozialen Leistungen versus Kultur. Ich sage: Kultur ist der entscheidende Standortfaktor. Wenn der auch noch flöten geht, dann schaut es um den Rest schlecht aus. Stellen wir uns einen mittelalterlichen Kampf vor, mit Schwertern und Lanzen. Wenn die Fahne eingerollt wird, wenn die Fahne umkippt, geht die Schlacht verloren. Kultur ist eindeutig die Fahne, das flatternde Banner für Berlin.

Die Kulturleute fühlen sich doch verhöhnt: Plötzlich geht ein Milliarden-Nachtragshaushalt flott durch!

Wenn die zentrale Geldversorgung der Stadt nicht mehr arbeiten kann, wird alles mitgerissen. Wir haben da eine klassische Notstandsentscheidung, so wie wenn ein Hochwasser kommt oder das Dach eines Hauses brennt.

Biedermann und die Brandstifter: Bankspekulationen sind keine Naturkatastrophen. Da muss man von Spitzenpolitikern persönliche Konsequenzen erwarten.

Wenn hier jemand den Hut nehmen muss, dann nicht der Regierende Bürgermeister, sondern die, die wirtschaftlich verantwortlich sind. Das ist eine kaufmännische Frage. Zur politischen Verantworlicheit: Ich halte Eberhard Diepgen für einen Glücksfall für die Stadt. Die Ehe mit Diepgen, wenn man so sagen darf, hat Berlin gut getan. Er hat mit einer Zähigkeit ohnegleichen einen Kompromissweg gesucht zwischen sozialer Verantwortung und Standortförderung in der Kultur und der Wissenschaft.

Ehen werden auch geschieden, irgendwann.

Nun gut, jetzt kommt, wie in mancher Ehe, eine Affäre, mit allem, was Affären so an sich haben: Geheimnisse, das Herauskommen der Wahrheit in Stücken. Und da sagt Ihnen jeder Ehetherapeut - da muss alles auf den Tisch. Und zwar schnell. Und dann wird man sehen, wie es weiter geht oder nicht. Die Alternative einer Rot-Rot-Grünen Regierung schadet Berlin.

Wie ist es bei Ihnen - wann würden Sie sagen, das trage ich nicht mehr mit? Wenn doch Schließungen von Ihnen verlangt werden?

Ich werde jeden alternativen Weg zu gehen versuchen, damit wir nichts zerstören. Ich habe das bisher auch getan. So lange man kann, durch Kredite, durch Lotto, muss man Kunst am Leben erhalten.

Sie sind ein Jahr im Amt. Sie sind ein Bayer in Berlin, hier nicht aufgewachsen. Sie haben vielleicht immer noch einen etwas anderen Blick auf diese Stadt. Halten Sie nicht den Zeitpunkt für gekommen, dass die alte politische Herrschaftsklasse Berlins abtritt? In der Kultur vollzieht sich ja der Wechsel.

In der Politik gibt es nur Kompetenz und Inkompetenz. Ich finde, die Kompetenten sollen am Ruder bleiben. Die Große Koalition ist auch keine schlechte Antwort auf dieses Phänomen Berlin, das sich seit 1989 immer noch in einer sozialen Revolution befindet.

Die Große Koalition als Wohlfahrtsausschuss?

Die Große Koalition ist eine Art Notstandsregierung, ganz klassisch - bis normale Verhältnisse eintreten.

Also noch zwanzig Jahre Diepgen und Große Koalition?

Oder eine absolute Mehrheit für eine Partei. Im Übrigen ist der individualistische Ansatz bei den Grünen nicht so wahnsinnig weit weg von der Union.

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