Kultur : Berliner Finanzkrise: Was sagen die Intendanten?

Jürgen Schitthelm:

Das Finanzdesaster um die Berliner Bankgesellschaft erschüttert die Stadt - und strahlt auf ihre kulturellen Institutionen aus. Nach jahrelanger Sparpolitik befürchtet man nun nicht wieder gutzumachende Eingriffe und Kürzungen. Oder bringt die neue Lage vielleicht auch Chancen mit sich?

Jürgen Schitthelm:
Befreiungsschlag!

Zum Thema Online Spezial:
Finanzkrise in Berlin Niemand wird auf die Idee kommen, jetzt ausgerechnet die Kultur mit einem neuen Sparprogramm am Abbau der Milliardenschulden zu beteiligen. Es ist allerdings bewundernswert, mit welcher Dynamik die Große Koalition die Neuverschuldung beschlossen hat. Nun muss die Politik überlegen, ob verantwortliches Handeln in dieser ernsten Situation die anderen Problemfelder der Stadt mit einbeziehen kann. Also werde ich bei jeder Haushaltsdebatte - und das steht uns ja jetzt bevor - Folgendes sagen: Wenn man die Neuverschuldung von sechs Milliarden Mark auch nur um ein Prozent erhöht, das sind 60 Millionen Mark, dann könnte man die kulturellen Probleme Berlins auf einen Schlag über mehrere Jahre lösen. 60 Millionen Mark: Das ist dann vergleichsweise nicht mehr so viel, und es ist genau die Summe, die der Berliner Kultur seit langem fehlt.
Schitthelm ist Direktor der Schaubühne.

Jörn Merkert:
Selbsthilfe!

Die Berliner Bankenkrise hat eine Dimension erreicht, von der man sich kaum mehr vorstellen kann, wie sie in die Wirklichkeit übersetzt werden kann. Jede eingesparte Million ist doch nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Was da aus der Kultur noch rauszuquetschen wäre, steht in keinem Verhältnis mehr zu dem Schaden, der dadurch angerichtet würde. Gleichzeitig ist aber zu unterscheiden zwischen dem Bankdesaster und der finanziell-strukturellen Misere Berlins als Folge des Einigungsprozesses. Ich befürchte ohnehin, dass das Land Berlin schon vorher pleite war. Mehr denn je sind wir im Kulturbetrieb deshalb aufgefordert, nachzudenken, wie wir uns selber helfen können - desto weniger wird man wagen, bei uns einzugreifen, weil das sowieso nichts bringt. Dann könnte man ja gleich alle Kultur abschaffen. Ich könnte mir vorstellen, dass die Museen eine GmbH gründen und bestimmte Leistungen wie Bewachung oder Ausstellungsaufbau outsourcen. Am meisten würde ich derzeit eine Zusammenlegung aller Landesmuseen zu einer fremdbestimmten Stiftung fürchten, die dann ein ähnlich unbeweglicher Tanker wäre wie über viele Jahre die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Wenn aber die Museen selbst die Kraft zur Kooperaton finden und darüber Einsparungen ermöglichen, könnte jedes Haus seine eigene Geschwindigkeit behalten und trotzdem effektiver arbeiten. Bitter ist es dennoch, wenn man die ganze Zeit gespart hat, um eine größere Beweglichkeit zu erreichen und diese nun noch mehr eingeschränkt wird. Als Berlinische Galerie sind wir da noch in einer günstigen Lage, denn der Umbauvertrag für die Schultheiß-Brauerei ist unter Dach und Fach, und als Stiftung öffentlichen Rechts genießen wir ein Stückchen Staatsferne.

Ansonsten: Die Welle, die uns alle unterzuspülen droht, hat uns noch nicht erreicht, denn schließlich gibt es nicht einmal einen Haushalt. Also kann uns auch niemand sagen, wie viel zu kürzen ist. Vielleicht ist der Kultursenator der Fels in der Brandung, der uns alle schützt. Aber das ist wohl eher unwahrscheinlich.
Merkert ist Chef der Berlinischen Galerie.

André Schmitz:
Verbitterung!

Ich stehe fassungslos vor dieser Katastrophe. Soll der harte Sanierungskurs der letzten zehn Jahre im Berliner Kulturbereich umsonst gewesen sein? Dass der Vorwurf, Kulturleute könnten nicht haushalten, ausgerechnet von einer Bank widerlegt wird, kann ich nur als Ironie der Geschichte werten. Wir haben einen schmerzhaften Erkenntnisprozess durchmachen müssen, wir haben akzeptiert, dass die Kultur ihren Beitrag zur Konsolidierung des Landeshaushaltes bringen muss. An der Deutschen Oper wurden 25 Prozent des Personals abgebaut. So hart ist im öffentlichen Dienst sonst nirgendwo gespart worden. Der Zuschuss, den wir 2001 vom Land erhalten, ist genauso hoch wie der, den wir 1991 hatten. Wir haben unseren Beitrag erbracht. Bislang konnte ich meinen Mitarbeitern die harten Maßnahmen vermitteln. Aber jetzt? Ich wüßte nicht, wie ich den Kollegen und dem Publikum klar machen sollte, dass die Kultur für die Misswirtschaft einer Bank bluten muss.
Schmitz ist Kommissarischer Intendant der Deutschen Oper.

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