Kultur : Berliner Gedenkpolitik: Vom Balancieren im Land der Täter

Thomas Lackmann

Eine "Kranzabwurfstelle" als Protokollstrecke für Staatsbesucher wird es am Denkmal für Europas ermordete Juden nicht geben. So hat das Kuratorium der Denkmal-Stiftung am Donnerstag in seltener Einmütigkeit beschlossen. Eine "zentrale Zeremonienstätte" wolle man nicht, sondern die "Hierarchisierung" des Stelenfeldes vermeiden, seine Offenheit nach allen Seiten erhalten, interpretiert Stiftungs-Geschäftsführerin Sibylle Quack das Votum des Gremiums. Der Bundestags-Haushaltsausschuss habe nun für das Denkmal und den Ort der Information 49,5 Millionen Mark bewilligt sowie vorab 4,5 Millionen für die Informations-Ausstellung samt Mobiliar. Der Vertrag mit Architekt Eisenman sei "unter Dach und Fach"; sein anteiliges Honorar würde selbst im Falle einer Budget-Überschreitung nicht mehr steigen. Im Dezember soll die Haushaltsunterlage, bis März die Baugenehmigung vorliegen, im Juli "Planreife" erreicht sein, im September der dreijährige Bau beginnen. Ein enger Zeitplan, der voraussetzt, "dass im Untergrund nicht völlig unerwartete Dinge schlummern", wie Stiftungsmitarbeiter Günther Schlusche formuliert.

Bei der nächsten Kuratoriumssitzung am 25. Januar will Eisenman Abgüsse der Stelen zeigen und erklären, wie diese stalaktitengleich in unterirdische Räume ragen. Erstmals steht dann auch das in Kontakten mit dem Landeskriminalamt bislang nur vorbereitete Sicherheitskonzept auf der Tagesordnung. Das LKA muss zustimmen, wenn auf 16 Stelen lediglich ein Lichtkörper kommen wird. Man wolle nicht an jeder Ecke Kameras installieren, auch über Antigraffitibeschichtung sei noch nicht entschieden, sagt Quack. Es gehe darum, 300 000 Besucher im Jahr zu schützen, Vandalismus abzuwehren - aber auch darum, den Umgang der Bevölkerung mit dem Denkmal "auszuhalten".

Schwieriger lösbar als solche praktischen Fragen erweist sich die Spannung zwischen Denkmal und Info-Museum. Bis Jahresende soll ein Ausstellungsmacher gefunden sein, der sein Konzept und etwaige Bauplanänderungen mit Eisenman abstimmt. Nicht unumstritten unter den Vorhaben für das Untergeschoss ist bislang die Idee vom "Ort der Stille": Da könnte - in Richtung Gedenkstätte / Denkmal - der karge Info-Auftrag überschritten werden. Der "Raum der Schicksale", wo möglicherweise zehn ausgesuchte Familienbiografien zu sehen sein werden, könnte die Radikalität des Denkmals, das auf jede Personifizierung verzichtet, unterlaufen. Geklärt ist ebenfalls noch nicht, ob im "Raum der Namen" die Namen Ermordeter abzulesen oder anzuhören sind, ob sie verlesen, ob Besucher dabei einbezogen werden, ob Musik eine Rolle spielt. Eine Arbeitsgruppe befasst sich deshalb mit den didaktischen Komplexen "Medien" sowie "Jugendliche und Holocaust"; der Stiftungsbeirat sucht Wege der Einbeziehung weiterer Opfergruppen. Zur Vermittlung zwischen dem Denkmal und anderen Erinnerungsinstituten trifft man sich regelmäßig mit Vertretern des Jüdischen Museums, der Brandenburgischen Gedenkstätten, der Gedenkstätte Wannsee-Villa, des Centrum Judaicum und der Topographie des Terrors.

Der Bundestagsbeschluss vom 25. Juni 1999 fordert ergänzend zum Holocaust-Denkmal einen "Ort der Information über die zu ehrenden Opfer und die authentischen Stätten des Gedenkens". Wenige Meter hinter dem "Deutschlandhaus" am Askanischen Platz, in dem die Denkmal-Stiftung residiert, liegt ein "authentischer Ort". Zwischen Erdhügeln ragen drei Betontürme einer abgebrochenen Baustelle. Schriftfahnen dokumentieren zahlreiche Politiker-Worte zur Realisierung dieses Museums. Infotafeln erklären, welcher Ausstellungspavillon hier 1997 abgerissen wurde, was da eigentlich neugebaut wird, welche provisorische Open-Air-Ausstellung am Rand des Platzes zu sehen ist. Dort gehen vor Fotos und Texten an einer alten Ziegelwand auf schmalem Steg die Besucher, zur Zeit 200 000 im Jahr. Hinter den Ziegeln reckt sich ein löchriger Rest Berliner Mauer. Die Ausstellung erzählt nüchtern, wie aus diesem Ort am einstmaligen Stadtrand das Machtzentrum des nationalsozialistischen Unterdrückungssystems wurde und von der Funktionsweise des Systems: die Topographie des Terrors.



Auf einen anderen "authentischen Ort" West-Berlins schaut von ihrem Büro im achten Stock Gabriele Camphausen: auf die Ruine der Gedächtniskirche. Die Geschäftsführerin der Topographie des Terrors sieht zwischen dem Denkmal und ihrer Institution keine inhaltliche Konkurrenz, aber eine finanzpolitische. 36 Millionen wurden seinerzeit für den Museumsneubau der Topographie veranschlagt, Bund und Berlin sollten sich die Kosten teilen. Dann stieg die Summe auf 46, auf 80 Millionen. Die erste Schätzung war eine "politische" Zahl, man kannte die Bauweise des Architekten Peter Zumthor nicht, Behörden verschleppten die Sache - jetzt steckt man in der Sackgasse. 20 Millionen sind verbaut. Der Bund aber bleibt, vorerst, bei 18 Millionen. Erst im März will der "Baubegleitende Ausschuss" Senator Strieders ein neues Kostenpapier vorlegen. Es sei bereits klar, dass Zumthors stringenter Entwurf keinen Spielraum mehr beinhalte. Berlin müsste an den Bund herantreten: Konkret verhandeln!, sagt Frau Camphausen. Entfiele die Topographie, würde in dem Erinnerungs-Dreieck mit dem Jüdischen Museum und dem Holocaust-Denkmal die Balance kippen. "Man kann im Land der Täter nicht der Opfer gedenken und die Täterseite ausblenden." Über Inhalte indes rede längst keiner mehr, sondern einzig über die Frage: 70 oder 90 Millionen. Aber wann immer ein Gedenktag nahe, "dann wird von uns Programm gefordert".

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