Berliner Häuser (5) : Der Leuchtwurm

Berliner Häuser (5): die Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau in der Müller-Breslau-Straße 12 in Tiergarten.

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Haus und Boote. Seit 1995 gehört das Institut zur TU Berlin.
Haus und Boote. Seit 1995 gehört das Institut zur TU Berlin.Foto: Mike Wolff

Im Nacken die Goldelse, schenkelstarke Jogger und mit Stadtplänen wedelnde Touris überholt, sich auf mittlerer Höhe zwischen Großem Stern und Ernst-Reuter-Platz nach links, in das elegant fortschlängelnde Tiergartenufer gewandt, durch die Bäume am Ufer gelugt: Voilà, da ist es, das komische Haus. Die rosa Röhre. Der rostige Riesenwurm.

Und dann sieht man auch die Hausboote an ihren Ankerplätzen gegenüber dümpeln, die mindestens genauso viel Aufmerksamkeit verlangen: Traumkähne, mit großen Fenstern auf Wasseroberflächenniveau, mit Solarzelle auf dem Dach, sogar mit Restauration, Labskaus und Brathering gegen Matrosenkohldampf. Dennoch, die Röhre, die sich auf der „Schleuseninsel“ des Landwehrkanals wie ein altes, erstarrtes Alien durch ein hohes, rechteckiges Haus hindurchzubohren scheint, es fest im Griff hat, als ob Kopfhörer von den Ohren eines Roboterkopfes hinunterhängen – so etwas Eigenartiges lässt Kinnladen klappen.

Vor allem wegen der Farbe, die aus dem Grün der Pflanzen, dem dunklen, spiegelnden Wasser und den roten Backsteinen eines angrenzenden Gebäudes heraussticht. Nicht verschämtes Pastell oder modernes Rosé, nein, da, wo noch kein Moos gewachsen ist, wo die im Tiergarten brütenden Vögel noch kein Baumaterial für ihre Nester herausgepickt haben, leuchtet das Ding im schönsten, schwulsten, lebensfreudigsten Rosa, mit dem je eine „Versuchsanstalt für Wasserbau und Schiffbau“ (VWS) angepinselt war.

Denn, höchstens Nautiker und andere Schiffsnerds ahnen es: Die Röhre ist der größte „Umlauftank“ der Welt. Sie hat einen Durchmesser von acht Metern und ist 55 Meter lang. 3300 Tonnen Wasser fließen hindurch, fallen an der Seite wie ein Indoor-Wasserfall hinunter und werden auf der anderen Seite wieder heraufgepumpt. Das kastenförmige, 35 Meter hohe, mehrstöckige Gebäude, durch dessen Taille sich die Röhre schiebt, ist das Zentrum mit der Bedienungskonsole des Tanks. Denn wenn ein Schiff gebaut wird, muss getestet werden, wie es sich im Wasser verhält. Wie groß die Schiffsschraube sein muss, um den Rumpf optimal anzutreiben, wie es sich bei unterschiedlich starkem Seegang manövrieren lässt. Das macht man im Inneren der Röhre: Im dritten Stock des Hauses schaut man von oben auf riesige, dunkelgrüne, eiserne Klappen mit schweren Verschlüssen. Wenn sie offen sind, wird das zu testende Schiffsmodell zu Wasser gelassen, an speziellen Vorrichtungen befestigt und die Maschinen angeworfen. Nicht das Schiff bewegt sich also, sondern das Wasser. Der Berg kommt zum Propheten.

„Die Messungen sind die gleichen“, erklärt Diplom-Ingenieur und Schiffsbauer Christian Eckl von der TU Berlin, der mit sichtlicher Begeisterung durch die VWS führt. Er erklärt auch die beiden „Schlepprinnen“, die sich im flachen, langgestreckten Bau befinden, der bis weit unter die S-Bahn reicht. Die eine ist 120 Meter, die andere 250 Meter lang, beide sind acht Meter breit. In ihnen „kann man auch Tsunamis simulieren“, sagt Eckl. Mit vielen kleinen Wellenbad-Wellen, die zusammen die Stärke einer einzigen Monsterwelle erzeugen. Schiffsmodelle mit einer Länge von bis zu zehn Metern werden durch die Rinnen gezogen: Man rechnet die Werte, die so gesammelt wurden, auf das echte Schiff hoch. Und testet zudem noch das Windkanal-Verhalten.

„Reingefallen ist noch keiner“ versichert Eckl. Auch wenn sich bei der langen Nacht der Wissenschaften jede Menge Schiffs- und Designverrückte durchs Gebäude drücken. Außerdem hängt vor dem inneren Wasserfall innerhalb der Röhre ein Gitter, dort würde man, wenn man sich als Krimiautor je entschließen sollte, mal einen saftigen Mordfall mit Verzweigungen bis zur Yachtparty bei der russischen Mafia in der VWS spielen zu lassen, das Opfer dann spätestens herausfischen.

Der Komplex mit der rosa Röhre und der flachen Schlepprinnenbude begeistert nicht nur Leichtmatrosen, Schiffsbauer und Yachtbesitzer mit und ohne Oligarchenhintergrund: „Architekten sind hier regelmäßig hin und weg“, sagt Eckl. Wegen der Farbgebung des Tanks, zu der der Röhrenbaumeister Ludwig Leo sich angeblich aus Zuneigung zu einer Frau hat hinreißen lassen, die auf dieser Farbe bestand. „Der Tank steht unter technischem Denkmalschutz“, erklärt Eckl, eine andere Farbe wird er also so schnell nicht verpasst bekommen.

Auch die retro-futuristische Kommandozentrale mit den grünen Luken, dem bunten Schaltpult und den Stahlstangen im Raum hätte Ken Adams nicht james- bondiger hingekriegt: Baubeginn war 1968, die Zukunft erkannte man damals an großen Computern und möglichst vielen dicken, blinkenden Knöpfen. Auch der Benzinverbrauch der Dieselmotoren, die die Wasserpumpen antreiben, stammt definitiv noch aus Prä-Ölkrisen- Zeiten. Beide, jeweils 2750 PS-starke Motoren schlucken zusammen bis zu 900 Liter pro Stunde. Man muss sich also genau überlegen, ob man tatsächlich sein verbessertes Clubschiff-Aida-Modell schon testen lassen möchte, oder lieber noch etwas am Rumpf feilt.

Während der „Schleusenkrug“ im Tiergarten brummt, Fähren voller winkender Touristen vorbeituckern, um an der Schiffsampel auf den Etagenwechsel zu warten, spickt man aus den Fenstern der Schaltzentrale auf die Hausbootidylle. Die spickt zurück, auf den Wurm. Vielleicht wurde ja auch schon mal ein Minimodell des eigenen schwimmenden Wohnzimmers in den Tank gehalten, um Strömungsverhalten oder „Propulsion“ zu testen. Oder wurde von dem „Highspeed-Schleppwagen“ durch eine Schlepprinne gezogen, während Windstärke-zwölf-Wellen stürmten. Diese Wellen teilten schon viele Gondeln: 1901 wollte Kaiser Wilhelm II. seine Kriegsmarine testen und gab den Bau einer Schiffsbau-Versuchsanstalt in Auftrag. Bereits zwei Jahre später wurden kleine Panzerkreuzer 147 Meter lang geschleppt und getestet. Im Zweiten Weltkrieg zerstörten die Bomben das Gebäude fast komplett, es wurde in den 50er Jahren wiederaufgebaut und modernisiert. Seit 1995 gehört die VWS zur TU Berlin.

Und darf heute neben Lastkähnen und Fangbooten nur noch Loveboats testen: Kriegsschiffminiaturen wird nie wieder auch nur eine Handbreit Wasser zur Verfügung gestellt. Das hätte man sich bei der Farbe auch gleich denken können.

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