Kultur : Berliner Hebbel-Theater: "In Real Time" - Echtzeit als Ächzzeit

Ulrich Amling

Das Ende aller Widersprüche, ein unendliches Vibrieren in zehn Dimensionen, eine neue Zeit: Dies alles versprechen sich Physiker von der String-Theorie. Den gesamten Kosmos reiht sie hübsch ordentlich in "Supersymmetrie" an, erklärt selbst die Existenz von schwarzen Löchern und beendet so als theory of everything all unsere menschlichen Zweifel. Doch, Ironie der Wissenschaft, ein Teilchen im Weltformel-Puzzle konnte bislang nicht nachgewiesen werden: der sogenannte "Superpartner". Und damit schalten wir um auf die Bühne des Hebbel-Theaters. Hier versammelt "Rosas"-Chefin Anne Teresa de Keersmaeker Tänzer, Schauspieler und Musiker, die "In Real Time" - so der Titel - zu neuen Perspektiven gelangen, die lähmende Jahrtausendgrenzlinie überspringen sollen. 22 Menschen warten in einem Loft ähnlichen, leicht rumpligen Raum, erbarmungslos synchronisiert mit dem Verrinnen der Zeit: Eine Monitoruhr zählt in großen Ziffern drei volle Stunden herunter.

"Es hat angefangen", verkündet die tonlose Stimme des Schauspielers Frank Vercruyssen und findet ihren Widerhall in einem ungläubigen "wirklich?" aus dem Mund von Taka Shamoto, einer mädchenhaft ernsten Tänzerin. Eine gemeinsame Geschichte wird gesucht, eine Übereinkunft in der Sprache. Doch Annäherungen bleiben Illusion, es gibt keine verbindenden Erinnerungen, keine Bilder, die Mann und Frau teilen könnten. Dabei hatte er ihr doch von der String-Theorie erzählt bei ihrem ersten Treffen. Oder vielleicht doch jemand ganz anderem? Vom Superpartner fehlt jede Spur, Sprache und Körper verweigern das harmonische Vibrieren. Das kann auch komisch sein, etwa wenn Damiaan de Schrijver, ein massives Mitglied des Schauspielerkollektivs "Tg. STAN", versucht, den Tänzerinnen von "Rosas" nach zu steigen: ein trotzig-eksaltiertes Opfer der Schwerkraft, das den ungleichen Akt nach größter Hingabe harsch abbricht. Ecken und Kanten hat de Keersmaeker reichlich in diese Arbeit eingebaut, die zusammen mit dem Dramatiker Gerardjan Rijnders aus Probenprozessen destilliert wurde. Kein Gesamtkunstwerk der Wagner-Zeit, kein Happening der Apo-Ära sollte "In Real Time" werden. An dieser Verweigerungshaltung hat das Projekt mächtig zu knabbern. Die Akteure drohen immer wieder zu bloßen Ausgabeeinheiten eines Textgenerators zu schrumpfen. Sie befördern politische, sexuelle und existentialistische Pamphlete in den Raum, ohne dass Haltungen oder gar Persönlichkeiten heraus folgen würden. Auch das klassische "Ich warte auf mein Leben während die Zeit vergeht"-Stück wird ausgiebig zitiert. Auf niederländisch heißt es "Drie zusters", dazu werden auf der Bühne Wein und Bier gereicht. Die Echtzeit gerät zur Ächtzzeit.

Es sind noch genau zwei Stunden 52 Minuten und acht Sekunden zu absolvieren, als das erste Mal ein Saxofon auf sich aufmerksam macht. Es gehört Fabrizio Cassol, der zusammen mit der belgischen Jazzformation Aka Moon die Musik des Abends konzipiert hat. Für de Keersmaeker, die ihren Tanz aus der minimal music eines Steve Reich entwickelte, fährt der Musiker einen rocklastigen Fusion-Sound mit aufgeschwollenem E-Bass auf. Eine Musik, die muffig nach Achtzigern riecht und deren Spielkultur für anspruchsvolle Improvisationen nicht ausreicht. Blasierter Stillstand in den Ohren, keine hörbaren Strukturen für die analytische Choreografin. Diese mangelnde musikalische Inspiration erklärt vielleicht auch, warum de Keersmaeker "In Real Time" so ausnahmslos auf ihr bekanntes Bewegungsrepertoire zurückgegriffen hat. Das hat noch immer den Charme des Unmittelbaren, in seinem blitzschnellen Umkippen von Richtungen und einer Raumbeherrschung, die den Energieerhaltungssatz glaubhaft in Szene setzt. Und dass Strings auch schlaufenförmig verlaufen können, haben Physiker sicher nach einem Besuch der perfekten Rosas-Tänzer ausgebrütet.

Doch alles treibt vor sich hin. De Keersmaeker lässt vorführen, dass sie an eine tänzerische theory of everything nicht glaubt. Die Gegensätze bleiben unversöhnt, zwischen den Künsten, zwischen den Menschen. Das hatten wir nicht anders von ihr erwartet. Sie aber hat uns nicht getraut. Drei Stunden lang.

0 Kommentare

Neuester Kommentar