• Berliner "Inventionen"-Festival: Vergangene Zukunft - Olga Neuwirths "Pallas / Construction"

Kultur : Berliner "Inventionen"-Festival: Vergangene Zukunft - Olga Neuwirths "Pallas / Construction"

Volker Straebel

Von Olga Neuwirth, 1968 in Graz geboren und bereits als 28-Jährige mit einem Berliner DAAD-Stipendium bedacht, kennt man zumeist klanglich ausdifferenzierte Kammermusiken von organisch wuchernder Form. "Pallas / Construction" für drei Schlagzeuger und Live-Elektronik von 1996, mit dem der Abschlussabend der "Inventionen" in der Parochialkirche begann,steht hierzu in denkbarem Gegensatz. In dem Trio folgen musikalische Zustände in klar gegliederten Abschnitten aufeinander, die allenfalls durch die Variation bereits genutzten Materials zueinander in Beziehung stehen.

Einheit stiftet die von Metallinstrumenten dominierte Klanglichkeit und eine avancierte Musiksprache, die konsequent ein festes Metrum leugnet. Nur in den raschen Läufen und insistierenden Quarten-Akkorden der beiden rechts und links vom Publikum aufgestellten Vibraphone (Miguel Bernat und Gerrit Bulens vom Ictus-Ensemble musizierten auch über die Entfernung hinweg im sauberen Wechselspiel) lassen sich klare Zählzeiten ausmachen. Dies verbindet diese Passagen mit den knappen Einspielungen steirischer Volksmusik, die vielkanalig durch den Raum vagabundierenden (Live-Elektronik: Peter Böhm).

So gibt es in "Pallas / Construction" nicht nur statt organischer Entwicklung musikalische Kontrastbildung, sondern auch die Konfrontation verschiedener Kultur-Ebenen. Zunehmend verzerrte Volksmusik trifft auf die dem Futurismus verhaftete Verbindung von archaischem Schlagwerk und moderner Elektronik, einer Verbindung, die nicht zufällig im Werk von Edgard Varèse und Karlheinz Stockhausen in den 50er Jahren hohe Bedeutung erlangte. Andererseits lassen Kuhglocken und mächtige Paukenwirbel an die Integration der Natur in die Kunstmusik Gustav Mahlers denken. So verbinden sich die postmodernen Motive von Geschichte und Erinnerung brisant mit der aktuellen Situation eines wegen der erstarkten FPÖ politisch isolierten Österreichs.

Wenn nach 35 Minuten über einem von Robyn Schulkowsky zum Singen gebrachten Weinglas die Coda einsetzt, wirkt das musikalische Material trotz elektronischer Manipulation bereits verbraucht und die Spannung des Beginns entwichen. Das kurze, nur grob fixierte "Permin" (1999) mit der Komponistin am Theremin nutzt hingegen die Frische und Spontaneität eines freien "call and respons". Die drei Perkussionisten reagierten mit knappen, zunehmend raumgreifenden Aktionen voll musikalischer Raffinesse und Sensibilität.

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