Berliner Kleinkünstler Marcus Jeroch : Alle Wörter fliegen hoch

Mit Sprache oder Dingen jonglieren, egal – Hauptsache spielen. Marcus Jeroch ist ein Kleinkünstler jenseits aller Kategorien.

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Kuckuck! Gelenkige Kleinkünstler wie Marcus Jeroch stecken lieber in Stühlen statt langweilig drauf zu sitzen.
Kuckuck! Gelenkige Kleinkünstler wie Marcus Jeroch stecken lieber in Stühlen statt langweilig drauf zu sitzen.Foto: Doris Spiekermann-Klaas

So ein lässiger Typ und so schwer zu definieren. Gaukler? Marcus Jeroch schaut angewidert. „Das klingt ja so, als ob ich kein Bett hätte.“ Hat er aber, sogar mehrere. Eins trägt ein Schild mit der Beschriftung „Liesbett“, war mal Teil seiner Bühnendekoration und steht in seiner Kreuzberger Probenwohnung gleich nebenan. Was ist mit Clown als Berufsbezeichnung? Fände er persönlich schön, wecke aber auch die falschen Assoziationen. Kabarettist? Im Prinzip okay, nur dächten die Leute dann womöglich, dass er seine Texte selber schreibe. Rezitator? Die wiederum jonglierten eher selten, was er eher häufiger tut. Dann also Jongleur? Er nickt. Das findet er gut. Und doch umschreibt die ehrwürdige zirzensische Disziplin, die sich nachweislich schon in der Antike und im alten Ägypten großer Beliebtheit erfreute, ebenfalls reichlich unvollständig, was der Kleinkünstler aus Berlin auf deutschen Bühnen tut. Es hilft nichts: Marcus Jeroch ist der Mann zwischen den Stühlen. Manchmal auch der Mann im Stuhl, wie sich ab dem morgigen Mittwoch im Kreuzberger BKA-Theater überprüfen lässt. Dort zeigt er zusammen mit dem Schlagzeuger Schroeder und der südafrikanischen Sängerin Bella Nugent sein aktuelles Programm „Näu!“.

Marcus Jeroch selbst ist alles andere als neu im Bühnengeschäft. Er geht immerhin schon seit mehr als 20 Jahren professionell seiner schwer zu fassenden Unterhaltungskunst nach. Als eine dieser zwischen Feingeistigkeit und Slapstick frei flottierenden Bühnenkunstfiguren, die zu eigenwillig für Varietéshows in großen Häusern wie Wintergarten oder Chamäleon sind. Und die anders als manche Kabarettisten oder Comedians mit ihren Soloshows auch keine Riesensäle voll bekommen. Gewissermaßen der Tingeltangel-Mittelbau. „300 Zuschauer sind schon viel für mich“, sagt Marcus Jeroch denn auch, obwohl er auf Festivals oder in Fernsehshows durchaus schon mal vor ein paar tausend Leuten aufgetreten ist. So wie 1990, als der lange Schlaks mit der eckigen Körpersprache beim Pariser Festival Mondial du Cirque de Demain drei, fünf und sieben Bälle virtuos zu Musik von Wolfgang Amadeus Mozart jonglierte. Das bescherte ihm prompt die Bronzemedaille dieser internationalen Zirkusleistungsschau. Und seinen skurrilen Bühnenlook, den hat er seither beibehalten.

Metamorphose zum Wortakrobaten in der Scheinbar

Mit den roten Lippen, schwarz bemalten Balkenaugenbrauen und puderbestäubtem, wild toupiertem Haar ähnelt der inzwischen 50 Jahre alte Akrobat einem expressionistischen Einstein im Frack. Allerdings einem Einstein, der nicht mit Zahlen, sondern mit Wörtern um sich wirft. Denn die haben den im afrikanischen Accra und Lagos, sowie dem niedersächsischen Hannover aufgewachsenen Marcus Jeroch irgendwann noch mehr fasziniert als die Jonglierbälle. Letztere hatte er erstmals als Abiturient auf Berlinbesuch auf dem Breitscheidplatz bestaunt und später dann sein Jura-Studium abgebrochen, um Mitte der Achtziger eine Ausbildung an der Kreuzberger Artistenschule „Die Etage“ zu absolvieren. Nach dem Mauerfall explodierte die Varieté- und Zirkusszene der Stadt. Marcus Jeroch spielte und moderierte im Chamäleon in den Hackeschen Höfen, gründete den Rockzirkus Gosh mit und gehörte zur Stammbesetzung des Scheinbar Varietés in Schöneberg. Und genau da trug sie sich auch zu – seine Metamorphose zum Wortakrobaten. Als er jemanden Ernst Jandls Gedicht „Ottos Mops“ vortragen hörte, da hatte er’s. Das was Marcus Jeroch seine tatsächlich ziemlich einzigartige Kunstform nennt – das Literarieté. Ein Starjongleur wie der Schweizer Kris Kremo perfektioniere sein ganzes Leben lang dieselben zwölf Minuten, sagt Marcus Jeroch. „Ich finde Texte präzise interpretieren dann doch cooler.“ Und wer seine grandiose Darbietung von Friedhelm Kändlers Publikumsrede „Frem e Bekannte“ sieht – einem puppenlustigen Text, der nur aus 25 statt 26 Buchstaben des Alphabets besteht und laufend weitere einbüßt – stimmt dem sofort zu.

Fünf Programme hat der Vater zweier Teenager-Töchter inzwischen Texten von Jandl und vor allem von Kändler gewidmet und dafür viele Preise gewonnen. Einer davon, der „Wilhelmshavener Knurrhahn“ steht gleich neben dem „Liesbett“ in der mit Buchstabenbühnenbildern, Requisiten und einer umfangreichen Spielesammlung vollgestopften Bleibe. Ganz schön schwer das Bronze-Teil, das auch schon Hanns Dieter Hüsch oder Volker Pispers nach Hause trugen. Und willkommener Anlass, nachzufragen, warum Kleinkunstpreise immer so bescheuert heißen? Marcus Jeroch zuckt die Achseln. Wortspiele sind zwar ebenso wie Geschicklichkeitsspiele, ja wie das Spielen überhaupt, sein Ding, aber eine Erklärung hat er nicht. Er staunt auch immer noch darüber, dass es hierzulande heute – anders als vor 30 Jahren – wieder das Berufsbild Jongleur mit diversen Auftrittsmöglichkeiten gibt. Ihn selbst, der abgesehen von der eigenen Show, jedes Jahr mehrere Monate im Tigerpalast in Frankfurt am Main als Conférencier arbeitet, zieht es wieder zum Straßentheater. „Das ist reizvoll, weil du die Leute nur aus eigener Kraft zum Anhalten, Stehenbleiben und Geldgeben animieren kannst.“ Andererseits müsse man dort laut sein, banales Zeug reden und mit Fackeln jonglieren, um gesehen zu werden. Marcus Jeroch schaut angewidert. Petroleum mag er gar nicht.

BKA-Theater, Mehringdamm 34, Kreuzberg, 6. bis 9. August, jeweils 20 Uhr

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