Kultur : Berliner Koalition: Wer hat Angst vorm roten Mann ...

Rüdiger Schaper

Die Volksbühne ist ein Paradebeispiel für Marketing und Understatement. "OST" steht auf dem Dach, wie ein Parteikürzel, und drin ist alles möglich - von Schlingensiefs Trashorgien zu Castorfs titanischen Exkursen über die russische Seele, die in Wahrheit verzweifelt-lustvolle Verbeugungen vor dem american way of life and death sind. Ost - leeres Versprechen, leere Drohung?

Berlin, Rosa-Luxemburg-Platz: Vis-à-vis der Volksbühne befindet sich die Zentrale der PDS. Entscheidet sich hier das Schicksal der Kultur in der Hauptstadt? Wird Gregor Gysi, der zwar nicht mehr Vorsitzender, aber Oberspielleiter seiner Partei ist, vielleicht doch noch Berliner Kultursenator?

Gysi als Herr der schönen, teuren Dinge, von deren Glanz in dieser Stadt so viel abhängt - es wäre jenseits aller rot-roten Koalitionsrabulistik im Grunde nur folgerichtig. Denn Gysi könnte mit seinem Charisma, seiner Eloquenz und seinem Hintergrund einen überzeugenden Entertainer in der freudlosen Sackgasse der Berliner Kulturpolitik geben. Gysi schätzt Castorf, er vertritt als Anwalt Daniel Barenboim, und man darf nicht vergessen, dass der alte Osten, heute die neue Berliner Mitte, das frühere West-Berlin in kulturellen Belangen überflügelt, ja ersetzt hat. Wie die Museumsinsel, wie Staatsoper, Berliner Ensemble, Volksbühne und Deutsches Theater ist Gysi aus der untergegangenen DDR in dieses neue, seltsame Paria-Gebilde der deutschen Hauptstadt nach 1990 übergekommen. Der Mann ist ministrabel, auch für das West-Berliner Establishment. Ein Peter Raue des Ostens.

Die andere Frage ist, ob es eine spezifisch östliche, gar nostalgische kulturpolitische Linie in der PDS gibt - ob der Hauptstadt mit Gysi eine kulturelle Wende blüht. Das kann man mit einem dreifachen Nein beantworten. Erstens: Die finanziellen Spielräume sind verschwindend klein, es geht in der Kultur wahrscheinlich nur um kluge Besitzstandswahrung, die Zukünftiges nicht blockiert. Denn über die großen, strittigen, nationalen Kulturprojekte in Berlin, den Ausbau der Museumsinsel, die Schloss-Frage, die Neugestaltung der Festspiele und des Gropius-Baus, entscheidet jetzt der Bund. Oder auch nicht.

Zweitens: Die Kulturpolitik zeigt, dass die PDS eine Partei wie jede andere ist. Kompetenz mit Ausstrahlung, die sich hier für Führungspositionen aufdrängt, wird auch in den so genannten Volksparteien händeringend gesucht, wie sich gerade aufs Peinlichste bei der Hamburger CDU zeigt. Außer ein paar biederen Abgeordneten im Kulturausschuss hat die PDS eben nur Gysi aufzubieten - den überlebensgroßen Hoffnungsträger, der sich in der Praxis noch beweisen müsste.

Und drittens: Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit wird sich, ganz im Gegensatz zu seinem Vorgänger Eberhard Diepgen, auch künftig in die Kulturpolitik einmischen, egal wie der Fachsenator heißt. Und André Schmitz, Chef der Senatskanzlei, kommt selbst aus der Szene und wird als Kandidat für das Kulturressort gehandelt, falls die SPD diesen Posten besetzt.

Kultursenatoren wurden in Berlin zuletzt wie das Hemd gewechselt. Ob Parteilose oder CDU-Mitglieder: Spezifische Parteipolitik war bei keinem zu erkennen. Es ging immer um Pragmatismus und Rhetorik. Und um starke Nerven. Ob Gysi sich dies Korsett wirklich überstreifen möchte, scheint fraglich. Und wen wollte die PDS dann bringen, wenn nicht ihre Lichtgestalt? Wo wäre die "unabhängige Persönlichkeit", die der PDS nahe steht und auch für die SPD akzeptabel sein könnte als Kultursenator?

Die Koalitionsverhandlungen lassen derzeit noch eine andere Möglichkeit offen. Adrienne Goehler, die amtierende Senatorin, könnte der Stadt durchaus erhalten bleiben. Die Grünen haben sie im Sommer aus Hamburg geholt, aber Goehler gehört keiner Partei an. Vier Senatsposten für die SPD, drei für die PDS, plus Adrienne Goehler, die sich in der Kulturszene und wohl auch bei Wowereit einer gewissen Wertschätzung erfreut - es wäre denkbar, auch wenn die ausgebooteten Grünen sich darüber ärgern.

Der Auf- und Umbruch durch eine SPD / PDS-Koalition in der Hauptstadt wird überschätzt, im Positiven wie im Negativen. Es spiegelt sich hierin schlicht das Wahlergebnis, wie Richard von Weizsäcker gelassen bemerkte. Die "Stadt als Beute" wilder Chaoten, das gibt es nur als Volksbühnen-Show. Dem überschuldeten Berlin droht etwas ganz anderes: Rot-Grau oder Grau-Grau. Wowereits Stadt-Streich vom Juni darf nicht die Funktionäre an die Macht bringen. Egal, ob sie aus Marzahn oder Steglitz oder aus der Bundespolitik kommen.

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