Kultur : Berliner Konzerthaus: Funkeln und Vergehen

Uwe Friedrich

Naturlaute ziehen französische Komponisten offenbar magisch an. Was für Messiaen die Vogelstimmen waren, das ist für Renaud Gagneux der Gesang des Ochsenfroschs. In seinem zweiten Cellokonzert, das mit dem Solisten Gary Hofman als deutsche Erstaufführung beim Young.Euro.Classic-Auftritt des Orchestre Français des Jeunes unter Jesus Lopez Cobos zu hören war, zitiert er ausgiebig "gefundene Klänge", lässt abwechselnd Orchester und Soloinstrument imitieren, was uns ohnehin umgibt. Dabei gelingen ihm immer wieder schöne Klangmischungen. Insgesamt bleibt das Werk jedoch überraschend kraftlos. Wenn sich Hofman mit berauschender Klangprojektion doch nur in den Bahnen eines Saint-Saëns-Konzertes bewegt, könnte man ebenso gut das Original spielen.

Die "Fünf Sätze für Streichquartett op. 5" Anton Weberns gewinnen in seiner eigenen Bearbeitung für Streichorchester an räumlicher Tiefe, schweben geradezu auf dem sanft flirrenden Streicherklang. Auch in den überwältigend lauten Passagen von Strawinskys "Feuervogel"-Suite bleibt bei druckvollem Spiel die Schönheit des Klangs erhalten, und wenn Lopez Cobos ganz bewusst keinen deutlichen Takt schlägt, zeigt sich auch, dass die Orchestermusiker vorzüglich aufeinander hören. Grandiose Tuttischläge zerreißen die Idylle, in die das Orchester sofort wieder zurücksinkt, und dabei einen Farbenreichtum entfaltet, der auch Ravels "La Valse" prägt. Wie durch einen Vorhang gehört, faltet sich der dunkle Samtton auf, bis schließlich mit einem Ruck der Blick auf das Ballgetümmel frei wird. Nun funkeln die Töne, blitzen die Akkorde, schieben sich entfernte Erinnerungen als Melodiefetzen vor. Ein Aufblühen und Vergehen, bevor die konzentrierte Ekstase dieser Quintessenz des rauschhaften Tanzes im Jubel des Publikums endet.

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