Berliner Künstler Christoph Keller : Verschoben und verschroben

Es ist Künstler, Philosoph und Wissenschaftler: Der Berliner Christoph Keller beschäftigt sich in seiner Ausstellung in der Galerie Esther Schipper mit grauer Magie

Jens Müller
Bilderteppiche und eine Liege, die auch benutzt werden kann.
Bilderteppiche und eine Liege, die auch benutzt werden kann.Foto: Andreas Rosetti/Vg Bild-Kunst-Bonn 2015

Dieses Büchlein von 35 Seiten sei ja das eigentliche Hauptwerk der Ausstellung, heißt es in der Galerie. Es hat einen Einband aus mit blauen Kringeln bedruckter grauer Pappe und liegt sechsfach auf einem weißen Podest. Es ist in einer Auflage von 300 Exemplaren erschienen und kostet fünf Euro pro Stück. Selten war die große Kunst bei Esther Schipper so preiswert.

Christoph Keller muss man sich wohl, wie eigentlich alle Künstler der Galerie, als ziemlich verkopften Typen vorstellen. Der studierte Mathematiker und Physiker und Hydrologe - und Künstler - bringt Wissenschaft und Kunst nicht nur in seiner Biografie zusammen. In besagtem Büchlein beruft er sich explizit auf „eine Vorgeschichte der bildenden Kunst, in der Philosophie, Literatur und Wissenschaft des ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts in Berlin“, für die sich „weder in der BRD noch in der DDR und auch nicht in der neuen ,Berliner Republik ein Interesse fand, jene die bürgerliche Kultur verspottende, oft gesellschaftlich progressive, teils sekulär-jüdische künstlerische Bohème zu rezipieren oder ihre kulturelle Ausstrahlung zu würdigen“. Das übernimmt nun Keller.

Der Titel der Ausstellung „Grey Magic“ referiert der 1967 Geborene auf den philosophischen Roman „Graue Magie: Ein Berliner Nachschlüsselroman“, den Salomo Friedlaender 1922 unter dem Pseudonym Mynona veröffentlichte. Das Werk war wiederum eine Hommage an seinen Lehrer Ernst Marcus und dessen Buch „Das Problem der exzentrischen Empfindung und seine Lösung“. Das erste Kapitel dieses letztgenannten Buches findet sich jetzt in Kellers blaugrauem Büchlein abgedruckt. Weil der Referenzen nie genug sein können, hat Marcus sein Problem der exzentrischen Empfindung aus Immanuel Kants in seinem „Opus postumum“ dargelegten Äthertheorie entwickelt.

"Was wir wahrnehmen, ist also nur eine Ätherwelt"

Der Äther-Begriff - der in der modernen Physik als wissenschaftlicher Irrtum und alter Hut gilt; der gleichwohl die Exzentriker des Fachs immer wieder beschäftigt hat, etwa den Löchertheoretiker (und Nobelpreisträger) Paul Dirac, nach dem auch ein Roman von Dietmar Dath heißt - durchzieht Kellers Werk seit Jahren. Es gab da etwa 2011 eine Ausstellung im Pariser Centre Pompidou: „Æther - De la Cosmologie à la Conscience“. Keller fasst den Kant fortschreibenden Marcus so zusammen: „Der Theorie zufolge sehen wir nicht die Dinge selbst. Vielmehr führt ein optischer Reiz, der durch das Auge ins Gehirn gelangt, zu einer unmittelbaren Aussendung von Ätherwellen durch die Schädeldecke hinaus. Das Gesehene materialisiert sich dann in einer Art von Äther-Emanation in genau jener Richtung, aus welcher der optische Impuls eintraf. Was wir wahrnehmen, ist also nur eine Ätherwelt - die wiederum ist aber real.“

Oder, wie Marcus schreibt: „Der optische Horizont ist von der Körperwelt so verschieden und geschieden wie die gemalten Kulissen des Theaters von einer wirklichen Landschaft, oder wie auch ein Ei vom andern. Wer das nicht sieht, der sieht auch das wunderbare Problem noch nicht, und für ihn ist seine Lösung nicht geschrieben.“

14 Fragen zu Telepathie, Außerirdischen und Fabelwesen

Und auch wer das Problem nicht sieht, sieht immerhin, dass der Philosoph Humor hatte. „Grey Magic“, das sind Festspiele der Verschrobenheit. Aber wie viel Ernst ist nun dabei, wenn der Ausstellungsbesucher aufgefordert wird, einen Fragebogen mit 14 Fragen zu Telepathie, Außerirdischen und Fabelwesen zu beantworten? Zum Beispiel Frage 8): „I think that it is possible to communicate with the dead“ - Ich glaube, dass es möglich ist, mit dem Tod zu kommunizieren. Vollkommen richtig, vollkommen falsch oder oder irgendwo dazwischen? Anschließend streift sich der Besucher eine Solariumbrille über, setzt Kopfhörer auf, aus denen „white noise“ tönt, legt sich auf einem Feldbett nieder und blickt für exakt (mithilfe einer Eieruhr bemessene) zehn Minuten in eine Lampe: „Just be open to what appears.“ Danach soll der Besucher das, was ihm erschienen ist, skizzieren.

Ommmm!? Man muss für transzendente Selbsterfahrungen eben offen sein - der Verfasser war es nicht und hat an dem Experiment deshalb nicht teilgenommen.

Ach so: Weil der Künstler seine Installation nicht in einem institutionellen Raum, sondern in einer Galerie ausstellt, müssen all die verweisreichen Gedankengebäude auch irgendwie monetarisiert werden. Das Büchlein als Hauptwerk zu fünf Euro das Stück bringt maximal 1500 Euro in die Kasse. Ein unikater „Magic Mirror Curtain“ - in weiter Kurve durch die Galerieräume gehängte Plastiklamellen, auf der einen Seite mit dem Motiv des Buchumschlags bedruckt, auf der anderen Seite verspiegelt - kostet 42 000 Euro; das Feldbett samt Zubehör, das es unter dem Titel „Mental Radio“ dreimal gibt, ist für 30 000 Euro zu erwerben.

Den recht großen preislichen Spielraum zwischen dem Buch und den Installationen bespielt Christoph Keller mit einer Serie von 14 computergenerierten Pendelbildern à 3000 Euro in einer Auflage von je fünf Exemplaren. Es sind ästhetisch wirklich sehr ansprechende Drucke mit wunderschön geschwungenen, feinen Linien in Gelb, Rot, Blau oder Lila auf edlem Papier, einige mit, andere ohne englischsprachige Exzerpte aus dem Marcus-Text. Die dezent grauen Holzrahmen könnten ihnen nicht besser stehen. Kaum ein Interieur vorstellbar, in das sie sich nicht einfügen würden.

Galerie Esther Schipper, Schöneberger Ufer 65; bis 5. 9., Di-Sa 11-18 Uhr

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