Kultur : Berliner Kunstbibliothek: Du sollst mir ein Bild machen

Michael Zajonz

Die Ewige Stadt glich bis 1870 einem riesigen Dorf. So lange Papst Pius IX. über das gesamte römische Stadtgebiet regierte, herrschte in der einstigen Weltmetropole jene "göttliche Ruhe", von der Reisende schwärmten. Das Areal innerhalb der Stadtmauern war nur zu einem Drittel bebaut. Weinberge und Gärten schoben sich zwischen Colosseum und die Wohnquartiere unterhalb des Palatin. Erst 1862 hatte die Eisenbahn eine Bresche in die spätantiken Befestigungszüge geschlagen. Acht Jahre später wiederholte sich das Schauspiel für die 200 000 Römer auf traditionellere Weise: Mit der Armee Vittorio Emanueles II. hielt das 19. Jahrhundert Einzug - Rom wurde Hauptstadt des Königreichs Italien.

Politischem Nachzüglertum verdankt sich, dass die Auswahl von 161 Fotografien der Sammlung John Henry Parker in der Berliner Kunstbibliothek einer kleinen Sensation des Wiedererkennens gleichkommt. Zwischen 1864 und 1877 entstanden, zeigen die mittelgroßen Abzüge auf Albuminpapier ein Rom, das sich seit den Tagen Goethes und der Nazarener kaum verändert hatte. Noch ohne die Garnierung von Straßenverkehr und Touristenströmen konnten Monumente wie unspektakuläre Winkel abgelichtet werden. Der Leere der Stadt entspricht die Art ihrer Wahrnehmung. Nicht im sattsam bekannten Bild monumentaler Würde, sondern mit einer Beiläufigkeit, die den Verlust fast physisch erlebbar macht, sind hier kostbare Augenblicke gebannt worden: zum Verweilen eigentlich zu schön.

Erst auf den zweiten Blick erschließen sich - jenseits weiter Prospekte und des wegen langer Belichtungszeiten stets dezent monochromen Himmels - individuelle Handschriften. Nur wenige Fotografen, die für Parker tätig waren, sind namentlich bekannt: Bis dahin oft als Vedutisti mit der touristischen Produktion von Druckgrafik beschäftigt, nahmen sie sich der schnelleren und flexibleren Gebrauchsfotografie seit der Jahrhundertmitte eher beiläufig an. Um Erfolg zu haben, mussten die Motive denen der Stahlstiche gleichen. Das phänomenologische Interesse, das dagegen aus vielen Aufnahmen der Sammlung Parker spricht, wird den Intentionen des Auftraggebers entsprochen haben.

John Henry Parker (1806-84) gebührt in der Ahnenreihe der Ausgräber Roms die Stellung des letzten Gentleman-Forschers: Ökonomisch unabhängig, stellte sich der Verlagsbuchhändler aus Oxford ganz in die Tradition gelehrter Amateure. Der Gründer der "British Archaeological Society of Rome" kultivierte ein wissenschaftliches Außenseitertum, dem zunehmende Professionalisierung und methodische Neuheiten - wie die aus der Geologie übernommene Stratigrafie - gänzlich entgingen. So hatte Parker keine Teilhabe mehr am römischen Restaurierungsboom nach 1870.

Seine Bedeutung liegt in der populären Vermittlung der Altertumswissenschaften. Wohl war fotografische Dokumentation in Archäologie und Baugeschichte nicht ganz neu. Doch Parker ist der erste, der in seinem Monumentalwerk "Archaeology of Rome" die Stadtbaugeschichte von den Anfängen über das Mittelalter bis in die unmittelbare Gegenwart zeitgenössischer Ausgrabungen anhand von Fotos veranschaulicht. Von den 3400 Platten konnten bis zur Vernichtung des Archivs im Jahre 1893 Abzüge auch per Katalog bestellt werden. Allzu ausgiebig wurde davon offenbar nie Gebrauch gemacht, da die rund 2400 Fotografien des Berliner Bestandes zu den wenigen musealen Konvoluten weltweit zählen.

Ab 1875 lagen sie in der Vorbildsammlung der Antikenabteilung und der Bibliothek des Kunstgewerbemuseums zum Studium bereit. Der reine Belegcharakter des noch jungen Mediums hatte sich durchgesetzt. Doch dass man den Geist der Vergangenheit auch in Bildern einfangen kann, die ästhetischen Ansprüchen genügen, wusste schon John Ruskin. Für den mit Parker befreundeten Kunstphilosophen blieb allein die Fotografie ein "Gegengift zu all dem mechanischen Gift, dass dieses schreckliche 19. Jahrhundert auf die Menschheit ausschüttet." Der Zauber wirkt!

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