Berliner Kunsthalle : Kiste öffne dich

Berlins Senat will eine Kunsthalle bauen. Dabei gäbe es schon ein Gebäude: den alten Blumengroßmarkt in Kreuzberg.

Christiane Meixner

Vom Tiger zum Bettvorleger: Wie schnell eine schöne Idee in sich zusammenfallen kann, ist aktuell auf dem Schlossplatz zu beobachten. Was für einen großartigen Start hatten Coco Kühn und Constanze Kleiner im Winter vor vier Jahren mit der von ihnen initiierten Ausstellung „36 x 27 x 10“ im Palast der Republik hingelegt. Über 10 000 Besucher strömten innerhalb weniger Tage in die Ruine, um Arbeiten von Olafur Eliasson, John Bock, Monika Bonvicini, Christoph Schlingensief und Thomas Scheibitz zu sehen.

Und jetzt? In Sichtweite kämpft die Temporäre Kunsthalle, die aus dem damaligen Ereignis hervorgegangen ist, nicht nur um ihren Ruf, sondern auch um jeden Besucher. Das Ausstellungsprogramm im jungen Haus, das die Sehnsucht nach einer festen Adresse für aktuelle Kunst zu erfüllen schien, vermag nicht über die Eröffnungen hinaus zu strahlen – obgleich es mit Candice Breitz, Simon Starling oder Katharina Grosse etablierte Künstler vorweisen kann. Coco Kühn und Constanze Kleiner, die beiden Initiatorinnen, sind längst aus dem Spiel, auch wenn Kühn noch als Beraterin genannt wird. Auch Thomas Eller, der erst vor einem halben Jahr vom Onlinedienst Artnet als künstlerischer Geschäftsführer in die himmelblaue Kunstkiste wechselte, muss seinen Platz Ende des Monats wieder räumen. Dennoch saß Eller am Dienstag auf dem Podium in der Temporären Kunsthalle, um ein Gespräch zu moderieren, das sich der Frage widmete: Wie kann eine Kunsthalle erfolgreich sein?

Vielleicht hätte neben Volker Heller, Abteilungsleiter für Kultur in der Senatskanzlei, auch Klaus Wowereit an dieser Diskussion teilnehmen sollen. Heller hätte dann immerhin einen zweiten wackeren Streiter für die (fast schon) beschlossene Kunsthalle am Humboldthafen gehabt, wie sie die Kulturverwaltung favorisiert. Vielleicht aber wäre dem Regierenden Bürgermeister dann auch aufgefallen, dass seine Entscheidung für eine neue Kunsthalle gegenüber dem Hamburger Bahnhof von ähnlichen Spekulationen umrankt wird wie vor einigen Jahren die Temporäre Kunsthalle.

Denn so sicher man sich einst war, mit dem Schlossplatz den richtigen Ort für die Kunstkiste gefunden zu haben, so fremd liegt sie heute zwischen den repräsentativen Gebäuden. Sie hat keinen geografischen Anschluss an die vitale Kunstszene Berlins, die sich andernorts aus Galerien, temporären Räumen und Projekten rekrutiert. Als Magnet für Touristen taugt sie ebenfalls nicht.

Die Kulturverwaltung hat, so scheint es, aus dieser Fehlentscheidung gelernt. Ein jüngst von der Senatskanzlei für Kulturelle Angelegenheiten veröffentlichtes „Konzept für den Betrieb der Berliner Kunsthalle“ verweist auf das vitale Umfeld der geplanten Halle am Humboldthafen. Neben dem Hamburger Bahnhof und den Galerien an der Heidestraße vermutet die Kulturverwaltung das passende Ambiente. Nach ihrer Eröffnung frühestens 2014 befände sich die neue Institution in einem attraktiven kulturellen Umfeld, heißt es. Allein: Ob sich angesichts der aktuellen Finanzkrise dort weitere Galerien ansiedeln werden, ist völlig offen. Vier Jahre sind für die Kunstszene eine lange Zeit. Es wäre nicht das erste Mal, dass ein Standort nach einiger Zeit an Attraktivität verliert und aufgegeben wird.

Welche Strahlkraft dann von einer Halle ausginge, die mit 2000 Quadratmetern Ausstellungsfläche kaum mehr Platz als die Kunst-Werke in der Auguststraße oder die alte Akademie der Künste vorweisen könnte, zugleich jedoch ein „unverwechselbares und zukunftsweisendes Profil“ haben soll, müsste sich in der Praxis zeigen. Doch was, wenn es nicht funktioniert? Dann wäre die 30 Millionen teure Kunsthalle ein Debakel. Und sie ließe sich nicht einfach verpflanzen.

Dorthin etwa, wo in jüngster Zeit ein neues kreatives Quartier entstanden ist: in Kreuzberg, am südlichen Ende der Friedrichstraße. Dort gibt es die ehemalige Blumengroßmarkthalle gegenüber des Jüdischen Museums. Auf den Teil des Areals, das der Erweiterung des Jüdischen Museums dienen soll, haben dessen Macher bereits Ansprüche angemeldet. Für den großen Rest interessiert sich seit längerem die Initiative Berliner Kunsthalle, die bereits mehrere Architekten beauftragt hat, ein Konzept zu entwerfen. Galeristen wie Claes Nordenhake, Christoph Tannert vom Künstlerhaus Bethanien oder Alice Ströver, die kulturpolitische Sprecherin der Grünen-Fraktion im Berliner Abgeordnetenhaus, stehen hinter dem Projekt. „Lokal verankert und global vernetzt“, mit einem Freundeskreis und als „offenes Labor“ – so stellen sich die Verfechter des Kreuzberger Standorts eine zukünftige Kunsthalle vor.

Das klingt weit mehr nach einer kleinen Lösung mit Lokalkolorit, wie sie typisch für Berlins Improvisationskultur geworden ist. Und weniger nach jener artifiziellen Turbohalle, wie sie sich Wowereit erträumt und für die er Vergleiche mit gewachsenen Institutionen wie dem Palais de Tokyo in Paris oder dem Institute of Contemporary Arts in London bemüht.

Doch eine Kunsthalle, die nicht von den ansässigen Künstlern und Kreativen mitgetragen und belebt wird, verdorrt. So wie die Temporäre Kunsthalle, zu deren Podiumsdiskussion am Dienstagabend kaum ein Künstler erschien. Gerade für die Künstler hatte man sich das Haus doch einst so sehr gewünscht. Was immer dort schiefgelaufen ist und wie das zweite Jahr nach dem nun angekündigten Strategiewechsel verläuft – es sollte in Ruhe betrachtet und analysiert werden. Sonst wartet am Ende am Humboldthafen ein zweiter Bettvorleger – diesmal für 30 Millionen Euro.


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