Kultur : Berliner Kunsthandel Wolfgang Werner plant Großoffensive auf die Sinne

Klaus Hammer

Das Stillleben, die Zusammenstellung vornehmlich vertrauter Gegenstände, stellt seit dem 17. Jahrhundert eine selbständige Disziplin dar. Es kündigt ein Weltverständnis an, das die Wirklichkeit wichtiger nimmt als alle mit ihr verbundenen Ausdeutungen. Wahre Schlüsselwerke dieser Gattung kann Galerist Wolfgang Werner zurzeit in seiner Berliner Dependance präsentieren. An ihnen lässt sich zeigen, wie dieses konservative Genre dem Künstler höchst kühne, manchmal bis zum Paradox gehende Verletzungen erlaubt. Entweder werden die Gegenstände in Licht und Farbe aufgelöst, verdichten sich zu Materie, oder sie zerspringen in Splitter. Vor mehr oder weniger einem Jahrhundert war das Stillleben eine Großoffensive auf die Sinne, eine Beleidigung von Maß und Ordnung, die in der Kunst lange mehr als hoch geschätzt waren.

Den Prolog der Ausstellung bildet der Niederländer Pieter Janssens, der in seinen Interieurs oft mit Pieter de Hooch und in seinen Stillleben mit Willem Kalf verwechselt worden ist. Am "Stilleben mit Gläsern, Zitrone und Austern" (um 1650), einem kostbaren Arrangement in aus dunklem Grund aufleuchtenden Farben und differenzierter Oberflächenstrukturierung, wurde erst in unserem Jahrhundert seine Signatur entdeckt. "Botanische Buketts" ("Gerbe de fleurs", 1860/65, je 420 000 Mark) malte Eugène Boudin, ein Vorläufer des Impressionismus, und liess sie in plötzlich aufglänzenden Farbschauern von Rosa, Krapprot, Flieder, Chromgelb und Chromgrün zergehen. Paul Sérusier, ein Schüler Gauguins, gibt seiner "Nature morte à la bouteille" (1891) hingegen eine einfache, feste Zeichnung und einen expressiven Dekor der Farbe. Eine geringe symbolische Stilisierung der sonst konventionellen Form, eine leichte Akzentverschiebung der Farbwerte ins Tonale, Klanghafte reicht bei Paula Modersohn-Becker schon aus, um anspruchslose Dinge vorzustellen. Gedanken scheinen sich hier lautlos auf den Gegenständen abgelagert zu haben. Ein Feuerwerk glänzender Farben in verschwenderischen Harmonien - selbst das Weiß erscheint als Buntfarbe - und Zusammenspiel juwelenartig verteilter Lichtflecken entfaltet demgegenüber Lovis Corinth in "Tulpen, Flieder und Kalla" (1915, 850 000 Mark). Es war dieses Eigenleben der Dinge, das auch André Derain zum Stillleben ("Le verre de vin", 1911; "Nature morte à la pipe", um 1911; "Coupe de fruits", 1913, 87 000 und 78 000 Mark) hinzog. Das fast schwärzliche Kolorit verwandelt die Gegenstände hier in geheimnisvolle Objekte, deren scharfe Abgrenzungslinien und eckige Zusammensetzung sie als moderne kubistische Bildkompositionen ausweisen.

Der Grundton der neusachlichen Arbeiten Franz Lenks ("Stilleben mit Tonvase, Birnen und Apfel", 1924, 38 000 Mark; "Stilleben mit Kartoffeln, Tasse, Zwiebel", 1927, 120 000 Mark) wiederum ist die poetische Genügsamkeit. Die "nature morte" der 20er Jahre setzt sich zusammen aus den Überresten des Alltäglichen, aus der zufälligen Anordnung der Gegenstände auf dem Küchentisch. Aus der Addition der Bildelemente erwächst keine kompositorische Einheit mehr, dennoch ergibt sich aus der dem bezugslosen Nebeneinander der Eindruck des Magischen.Kunsthandel Wolfgang Werner, Fasanenstr. 72, bis 29. Januar; Montag bis Freitag 10-14 u 15-18 Uhr, Sonnabend 10-14 Uhr. Der Katalog kostet 30 Mark.

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