Berliner Kunstpolitik : Wir sind Kunsthalle!

Braucht Berlin tatsächlich einen Neubau? Die Stadt hat längst gute Häuser für Gegenwartskunst.

Ingolf Kern
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Schachtelbauweise. Via Lewandowskys Installation "Von hinten" aus zwei ineinander verkeilten Gartenhäuschen in der Ausstellung...Foto: Thilo Rückeis, VG Bild-Kunst, Bonn 2006.

Wenn Katja Blomberg durch den Garten des Hauses am Waldsee geht, blüht vor ihren Augen die Zukunft. Den Zaun zum benachbarten Haus der Jugend würde sie gern einreißen, um vor dem Zehlendorfer Ausstellungshaus endlich einen Skulpturenpark mit Arbeiten von Daniel Pflumm, Thomas Rentmeister, Tony Cragg und Michael Sailstorfer anlegen zu können. Ein futuristisches Teehaus malt sie in die Luft, das Kühn Malvezzi oder Jürgen Meyer H. bauen könnten. Und weil es da diesen ungenutzten U-Bahn-Tunnel unter der Argentinischen Allee gibt, stellt sie sich vor, dass die Besucher eines Tags vom Bahnhof Krumme Lanke direkt ins Haus am Waldsee gelangen könnten.

In solchen Momenten lässt Katja Blomberg sich von ihrem Enthusiasmus davontragen: Kunst und Technik könnten sich im Tunnel begegnen, fast wie im Münchner Lenbachhaus! Aber sie steht doch schnell wieder auf dem sumpfigen Boden der Realität. 156 000 Euro erhält das 1946 eröffnete Haus für zeitgenössische Kunst pro Jahr vom Bezirk, kann damit weder leben noch sterben und ist auf GoodwillAktionen von Künstlern angewiesen. Dabei hat es, was das Kaliber der präsentierten Ausstellungen betrifft, die Bezirksklasse längst hinter sich gelassen.

Die Berliner Kunstpolitik hat das Engagement von Leuten wie Katja Blomberg nicht weiter beachtet, als der Regierende Bürgermeister vor der Sommerpause eine Kunsthalle auf den Plan hob, die mit fast fünf Millionen Jahresetat ausgestattet und so etwas wie sein grand projet sein soll.Ein Haus für die Gegenwartskunst in einem spektakulären Bau: Die Berliner Architekturpolitik, die sich zuletzt nicht selten mit antimodernen Gassenhauern hervortat, sucht nun doch nach einem sichtbaren Zeichen ihrer Zeitgenossenschaft.

Doch während Klaus Wowereit fast im Mitterrandschen Stil von einem markanten Zeichen für die vitale Kunstszene der Stadt träumt, stänkert die sozialdemokratische Fraktionsbasis. Die Idee, eine neue Kunsthalle zu bauen, begeistert nicht jeden Abgeordneten, im Gegenteil. Und weil es mit den eigenen politischen Mehrheiten „sehr schwierig“ ist– von den Linken zu schweigen –, wendet der Senat die Taktik des langsamen Aufweichens an. 200 000 Euro stehen 2010 für das Projekt bereit, 400 000 Euro im Jahr 2011.

Anlauf- und Planungskosten sind damit gemeint, aber es hat sich schon herumgesprochen, dass mit dem Geld eigentlich eine mobile Kunsthalle ins Werk gesetzt werden soll. Ein rollendes Museum, um diejenigen zu gewinnen, die Wowereits Kunsthalle mit Skepsis begegnen. Zum Beispiel Abgeordnete, die den Kopf darüber schütteln, dass nach Jahren verordneter Selbstausbeutung plötzlich eine Halle finanziert werden kann, die acht Mal so viel Geld wie die Kunst-Werke erhalten soll, die führende Adresse im Galerienviertel rund um die Auguststraße.

Wenn solche Werbemaßnahmen helfen, könnte die Kunsthalle im Jahr 2013 eröffnet werden. Wenn nicht, geht es auch anders. Schon ist von einer „wandernden Marke“ die Rede, vom Versuch einer mobilen Kunsthalle, die mit wechselnden Partnern immer wieder neue Orte bespielt. Trotz der Chronik des Scheiterns der temporären Kunsthalle am Schlossplatz ist eine Kunsthalle auf Zeit immer noch im Gespräch. Warum auch nicht? Das Beispiel der Londoner Serpentine-Gallery verfängt auch in der Berliner Architektenschaft, schließlich geht es weniger um einen Präsentationsort als um einen kommunikativen Treffpunkt mit urbanen Qualitäten.

Doch all diese Debatten werden nur im Verborgenen geführt. Gabriele Horn, die Direktorin der Kunst-Werke, sieht in der neuen Kunsthalle ein „Politikergeschenk von oben“, eine Marketing-Nummer, keine inhaltliche Auseinandersetzung. Wiederholen sich also die Fehler vom Schlossplatz? An den Kunst-Werken lässt sich erkennen, dass einige Jahre ins Land gehen, bis sich ein Profil herausschält und ein Publikumsstamm gewonnen ist. Horn rät jetzt dringend dazu, eine „Phase der Konzeptionierung einzuleiten und dabei das Bestehende zu berücksichtigen“.

Es gab eine Zeit, da beschäftigte die Stadt Gutachter, um die Lage der zeitgenössischen Kunst zu analysieren. Das taten Kasper König und Wim Beeren, in den 90er Jahren. Warum wurde nicht die Chance genutzt, das Geschriebene von damals mit dem Gegebenen von heute abzugleichen? Also Einigkeit wenigstens bei der Architektur? Gabriele Horn lässt keinen Zweifel aufkommen: „Ich glaube, es gibt in Berlin nicht mehr viele Räume, die man für die Kunst adaptieren kann. Insofern müsste eine neue Kunsthalle auch ein Solitär zeitgenössischer Architektur sein und im Raumprogramm auf die Präsentationsbedürfnisse der aktuellen Kunst reagieren.“

Auch wenn es ein Fortschritt ist, dass die Politik die Bedeutung der zeitgenössischen Kunst für Berlin erkannt hat, wundert es doch, dass sie lediglich nach neuen Schaufenstern sucht – und die Gründergeneration nicht einbezieht. Gabriele Horn stört es am Projekt Kunsthalle, dass es „die bestehenden Institutionen und Ressourcen zu wenig berücksichtigt“. Auch Thomas Köhler von der Berlinischen Galerie in Kreuzberg will endlich darüber reden, wie das Netzwerk zwischen den Einrichtungen zu spannen wäre und „was in einem gesicherten Raum für Gegenwartskunst gezeigt werden sollte“. Der Verzicht auf Ankaufsetats sei der Kunststadt im übrigen schlecht bekommen.

Als im Sommer 2006 der Streit um dem Schlossplatz tobte und jeder davon überzeugt schien, wie nötig eine Kunsthalle sei, ging es zuallererst darum, der ignoranten Ausstellungspolitik der Staatlichen Museen unter ihrem vormaligen Direktor Peter-Klaus Schuster etwas entgegenzusetzen. Inzwischen ist in den Hamburger Bahnhof und in die Nationalgalerie unter ihrem neuen Chef Udo Kittelmann Bewegung gekommen. Der Untertitel „Museum der Gegenwart“ klingt nicht länger mehr wie eine Farce, und man muss nicht mehr in den Billigflieger steigen, um eine Ausstellung von Thomas Demand zu sehen. Endlich wird er in der Stadt gezeigt, in der er auch arbeitet. Andere Künstler werden folgen. Was also soll in die Kunsthalle?

Das fragt sich auch Katja Blomberg. Berlin sollte lieber die vorhandenen Institutionen besser ausstatten und sie auf ein internationales Niveau heben: „Die reichen als Hardware.“ Also ein Konjunkturpaket für alle? Die Chefin des Hauses am Waldsee hätte nichts dagegen. Sollte es zusätzlich einen zentralen Ort geben, müsse man sich eben zwischen Kunsthalle und Eventbude entscheiden. „Die Temporäre Kunsthalle hat gezeigt, was passieren kann, wenn man die Kunstwelt nicht hinter sich hat. Zeitgenössische Kunst ist nun mal enorm schwierig.“ Gerade für die Vermittlungsarbeit mangelt es allerorten an Geld.

Vielleicht entwickelt sich die Berliner Kunsthalle weder als Neubau am Humboldthafen noch im Blumengroßmarkt gegenüber dem Jüdischen Museum, der als alternativer Standort mehr im Gespräch ist, sondern zuerst an wechselnden Orten. Nach dem Motto: „Wir sind Kunsthalle.“ An architektonischen Möglichkeiten und inhaltlichen Herausforderungen fehlt es nicht. Dann wäre alles beieinander: Bühne, Treffpunkt – und immer wieder neue Räume. Vielleicht ist das längst auch der Politik bewusst, denn dort rechnet man „mit“ und „ohne Bau“. Soll heißen, irgendein Kunstort wird kommen – und er wird nicht unterfinanziert sein. Das wäre doch schon mal was.

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